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«Wir sind noch lange nicht am Ende der Strasse»

INTERVIEW MIT BÜNE HUBER, PATENT OCHSNER

Den Bernerinnen und Bernern Patent Ochsner und ihren charismatischen Frontmann Büne Huber vorzustellen, hiesse Wasser in die Aare zu tragen. Alle ihre Konzerte sind jeweils binnen Sekunden ausverkauft. Bis auf ganz wenige Ausnahmen schreibt Büne die poetischen Songtexte selber, Lyrics, die die Seele berühren und an Konzerten gerne mitgesungen werden. Legendär beispielsweise das Gurtenfestival 2019, als 20 000 Menschen gemeinsam «W. Nuss» oder «Bälpmoos» sangen – es gibt wohl kaum einen berührenderen Moment. Wir haben Text­Fragmente als Inspi­ration für unsere Fragen gewählt.

Interview: Michèle Freiburghaus, Illustration: Kornel


«si dänkt wi nes füürwärch | win e zuckerstock | läbt win e wasserfau» worin ähnelt Dein Leben demjenigen der W. Nuss?

Eigentlich fast in allen Punkten. Aber vor allem in dem mit den hun­dert Kindern.

«es glas uf d liebi und eis uf z›voue läbe u eis uf au das wo mir nid chöi häbe | es tor geit uuf unes angers geit zue | blibsch i mim Härz sogar no denn wes afaht weh tue»Reto von Gunten von SRF3 hat den Song «Für immer uf Di» zur Corona-Hymne erhoben – was hat das bei Dir ausgelöst? Am Anfang war ich gerührt und fühlte mich geehrt. Als ich bei­ beispielsweise an einem Sonntag im April mit meinen Kindern durchs Quartier spazierte und man aus vielen Fenstern den Song und die Ge­sänge der Leute hören konnte, und wie dann der Bub zu mir sagte «ghörsch Papa, sie singe dys Lied», war das ein ganz besonderer Moment. Mit der Zeit aber begann ich mich fast ein bisschen um den Song zu sorgen, weil er für mich doch ziemlich viel mehr ist als eine Corona­Hymne.

«i wär scho geng gärn e fischer gsi | alleini duss i däm boot | hätt I e mords-hecht a dr angle | mir wär’s so läng wie breit | öb i ne usezieh oder är mi dry»Hast Du jetzt zu Fischen begonnen und was gefällt Dir an der Symbolik? Nein, das Fischen liess ich bis heute bleiben. Mir ging es damals, als ich den Song schrieb, vor allem darum, wie man sich erfolg­reich allen Erwartungen entziehen kann, wie man sich die Aussenwelt vom Leibe hält.

«a dene drei tag, wo me nid so guet cha schlittle, seit me summer & hüür preichts grad es wuchenänd | s bruucht numen es paar fläsche, e grill & nes kasettegrät, es paar lüt mit zwyfelhaftem ruef & när tanzt dr bär.» Wie hast Du den Sommer genossen?

Ungefähr so wie das im Song «Grill» beschrieben wird, der hier zitiert wird. Was rede ich da von «ungefähr» – ganz genau so.

«änet em bärgli, da wartet uf üs ds beschte | wo üs unschtärblech macht es ganzes läbe lang» noch unsterblicher werdet Ihr jetzt dadurch, dass Ihr im Oktober als erster Schweizer Act im Rahmen von «MTV Unplugged» auftretet. Was bedeutet Dir persönlich diese Ehre? Dieses MTV Ding ist zunächst einmal eine Riesenkiste, bei dem viele Leute mit im Boot sitzen. Eine komplexe, nicht nur musikali­sche, Geschichte. Wir müssen zunächst zwei starke Konzerte abliefern und dabei auch noch malerisch in der Landschaft stehen. Wenn wir das geschafft haben, können wir nachträglich vielleicht ein bisschen stolz sein. Neben all dem Neuen, mit dem ich mich momentan konfrontiert sehe, ist MTV Unplugged für mich persön­lich die einzig glaubwürdige Form, um eine Art «Best­ of­ Album» zu veröffentlichen.

«si schmiere dir dr honig ume latz | schmychle & schtrychle dir über dys fäu | bis d säuber gloubsch, du sigsch dr hirsch uf em platz»Du bist ja in Bern schon ein Platzhirsch – wie gehst Du mit all dieser Sympathie um, die Dir an Euren Konzerten entgegenbrandet? Ach, das ist halt so eine Sache. Ich sehe mich tagtäglich in man­nigfaltiger Art und Weise scheitern. Soviel zum Thema Platzhirsch. Natürlich freut mich die Liebe und die Sympathie, die man mir ent­gegenbringt, aber ich weiss natürlich auch, dass das schnell wie­ der wechseln kann, wenn man beispielsweise in einem Anflug von heiligem Zorn eine Breitseite gegen die Fussballer abfeuert oder öffentlich eine dezidiert politische Position kundtut.

«mängs wo vo wytem gross uusgseht| & guldig glänzt mit schyn | isch vo nöchem aagluegt | nume trüeb & chlyn» Der «Outstanding Achievement Award war für Dich eine «zwiespältige Ehre – warum? Na ja, so einer Auszeichnung hängt halt auch ein bisschen der Geruch an, dass der Mist nun gekarrt ist: «Schön, dass ihr euch so fest Mühe gegeben und solange durchgehalten habt. Aber jetzt könnt ihr eure sieben Sachen packen und rüber auf die Geriatrie wechseln. Schwester Margrit zeigt euch eure Zimmer. Znacht gibt es um halb sechs und um acht ist Lichterlöschen. Und am Sonntag machen wir einen Ausflug auf den Ballenberg.» Oder wie das Billy Wilder so schön sagte: «Auszeichnungen sind wie Hämor­rhoiden. Im Alter kriegt sie jedes Arschloch.» Mit jedem neuen Projekt stehe ich vor einer grossen unbespielten Fläche und fühle mich als Dilettant. Ich habe keineswegs das Gefühl, wir stünden am Ende der Strasse.


«i gah druus, wenn idrinne bi | & wenn i duss bi, gahniI dry myni heimat isch dert, won i no nie bi gsi» wie ist Dein Verhältnis zu Bern? Das ist meine Heimatstadt. Hier kenn ich mich aus. Hier leben die meisten meiner nächsten Freunde. Hier gehen meine Kinder zur Schule. Ich giesse meine Wurzeln und rede Dialekt. Ich bin mit dieser Stadt versöhnt. Versöhnter als auch schon. Aber ich liebe sie aus der Distanz meistens mehr, als wenn ich mich mit­tendrin befinde.

«zucker & zitrone & artischocke, du bisch so nes bittersüesses gmisch. dr wahnsinn am ganze aber isch: I wott di gar nid angers aus de bisch» Was isst Du am allerliebsten? Ich habe keine eigentliche Lieblingsspeise mehr. Es gibt so vie­le Gerichte, für die ich meilenweit gehen würde. Im Moment steht mir gerade der Sinn nach einem Carpaccio di Polpo und einem kühlen Glas Weisswein.

«Ich bin mit dieser Stadt versöhnt. Versöhnter als auch schon. Aber ich liebe sie aus der Distanz meistens mehr, als wenn ich mich mittendrin befinde.»

«i lähne mi no mau zum fänschter uus u zwar so wyt, wies nume geit | u die ganzi stadt schlaft oder roukt vorem kreissaal | red bull oder rotwy | darling, mängisch muess me sech entscheide | nid aus wird besser, we mes mischt» gehst Du immer noch gerne aus und wenn ja, wohin? Nein, ich bin keine «Barfly» mehr. Ich bin, wie man das der ein­schlägigen Presse entnehmen konnte, noch einmal Vater ge­worden. Da ist es nicht unbedingt schicklich oder altersgerecht, wenn man jede Nacht wie ein Teenager um die Häuser schleicht und sich schonungslos die Kutte zuzieht. Aber ich muss ehrli­cherweise gestehen, dass ich das mitunter noch immer sehr gerne tu.

«wär für di gärn e bessere gsi | bemüeht han i mi, funktioniert het’s leider nid, oder z schpät uf jede fau | i weiss haut o nid so genau, wie blutt oder blau me darf sy am ene maskebau» Deine Texte sind oft von Selbstzweifeln geprägt – was ist heute, als gestandener Mann, Dein Verhältnis zu Dir selber? Wie bereits gesagt, ich bin schier täglich mit meinen persönli­chen Grenzen konfrontiert. Ich muss mich in meinem Scheitern, in meinen Niederlagen immer wieder neu ertragen. Inzwischen gelingt mir das manchmal recht gut.

«jedesmalwenniumechume|adäortwonigeborebi|&all’s eso isch wie’s scho ging isch gsi | aber nümm isch so wie denn | de chunnt’s mir vor | i sig dr einzig wo nie älter wird» aber zweifellos wirst auch Du älter. Wie gehst Du damit um?

Wahrscheinlich so wie alle anderen. Manchmal zwickt es im Rükken und nach anstrengenden Tagen braucht man eine etwas längere Erholung. Zum Glück betreibe ich unbeschreib­lich viel Sport, weil mir das einfach sehr, sehr wichtig ist und zudem ernähre ich mich ausgewogen und spartanisch, verzich­te auf jede Art von Alkohol und meditiere von morgens bis abends. Und dann lasse ich mir von meinem Arzt wöchentlich eine Jungbrunnenessenz spritzen. Alle zwei Jahre lasse ich mein Blut durch das von Zehnkämpfern ersetzen. So lassen sich die negativen Auswirkungen eines normalen Alterungsprozesses einigermassen ertragen.

«das fäud isch gmäit | & d näbuchräije hacke no löcher dry | & dunkli wulkeviecher | jage am himu umenang | & d wäut gfrüürt y | & schlückt die summersatte bilder» Du bist ein Sommermensch, das merkt man an Deinen Liedern – was gewinnst Du Herbst und Winter ab? Die Jahreszeiten sind wie die eigenen Kinder. Man liebt sie alle möglichst gleich und nervt sich manchmal über bestimmte Aus­ prägungen des Charakters. Der Winter beispielsweise ist der ungezogene, widerborstige Flegel. Mit ihm tue ich mich manch­ mal schwer. Gegen den November Hangover kämpfe ich alljähr­lich. Aber auch da zunehmend erfolgreicher.

«Die Jahreszeiten sind wie die eigenen Kinder. Man liebt sie alle möglichst gleich und nervt sich manchmal über bestimmte Ausprägungen des Charakters.»

«Weisch, wenn i uf ne grüene zweig wott cho | De chlätteren i uf ne boum» wann kommt das neue Ochsner-Album? Das neue Album wird Mitte Februar veröffentlich. MTV Unplug­ged. Und dann werden wir auf eine kleine, aber feine Tour gehen. Das übernächste Album wird dann wohl im Mai 2023 veröffentlicht.

«Löht nech nüt la gfaue – nie, nie nie!» das rufst Du am Ende eines jeden Konzertes. in die Menge und alles brüllt mit. Wie ist es entstanden? Ich hab das mal vor etwa zwanzig Jahren spontan am Ende eines Konzerts gesagt. Und dann ist es geblieben. Weil es eine Beschwörungsformel ist. Ein Gebet, sozusagen.


«Löht nech nüt la gfaue – nie, nie, nie!»

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