• Christoph Hoigné, La Cappella

Warum schweigen?

Am Montagabend spiegeln sich hunderte Lichter einer Menschenkette in der Aareschlaufe – die Berner Kultur schweigt. Aber warum sollen wir schweigen für die Kultur, sie wurde ja längst mundtot gemacht!

Die Berner Kulturszene lädt dazu ein, am Montagabend auf dem Uferweg rund um die Altstadt-Halbinsel eine Menschenkette zu bilden und eine halbe Stunde lang für die Kultur zu schweigen. Mit einer Kerze oder einem Windlicht ausgerüstet sollen Künstlerinnen, Künstler und weitere Kulturtäter*innen stehen und schweigend auf die Verheerungen aufmerksam machen, welche die Corona-Schutzmassnahmen über die Kulturszene gebracht haben. Kerzen haben – am Tag nach dem ersten Advent – wohl die meisten zur Hand, ansonsten eignen sich Grablichter (bei Ottos Schadenposten im 5er-Pack für nur Fr. 3.50) auch dann hervorragend, wenns am Montag nieseln sollte oder Wind bläst.


Mit Kerzen gegen das grosse Lichterlöschen

Schweigend und mit Grabkerzen bewaffnet steht also am Montag die versammelte Berner Kulturszene maskiert und mit jeweils 1,5 Metern Abstand am Aareufer. Falls sich Hochnebel und Schneewolken verziehen, leuchten vom Himmel die Sterne und der Vollmond.

Worum gehts? Zur Bekämpfung der Pandemie beschliessen die politischen Verantwortlichen auf allen Ebenen Massnahmen, um die weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Um den drohenden und viel beschworenen Kollaps der Spitäler zu verhindern, müssen wir seit März auf viele Freiheiten verzichten. Seit dem Sommer gleicht die Pandemiebekämpfung immer wieder einem Schwarzpeter-Spiel zwischen Bund und Kantonen. Man wird den Eindruck nicht los, dass im Herbst zu lange gewartet wurde, so dass heftige Massnahmen plötzlich unabwendbar wurden. Der Kanton Bern preschte plötzlich vor und verfügte am 23. Oktober einen Kultur-Lockdown wie ihn kein anderer Deutschschweizer Kanton bis dahin erlebt hatte. Die meisten Kulturinstitutionen hatten nach dem Sommer mit aufwändig ausgearbeiteten und gut funktionierenden Schutzkonzepten den Betrieb wieder aufgenommen und wurden vom radikalen Schnitt völlig überrumpelt.


Überrumpelt und in Schockstarre

Die anfängliche Hektik, mit der die Museen, Kinos, Konzertlokale und Theater das Hals über Kopf verfügte Veranstaltungsverbot kommunizieren und organisieren musste, wich rasch einer eigentlichen Schockstarre. Eine Starre, die sich bei vielen erst langsam zu lösen begann. Man realisierte, dass der Kanton zwar per sofort dicht gemacht hatte, aber noch keine Aussagen darüber machen konnte, ob und wie der angerichtete Schaden finanziell abgefedert werden kann. Und man realisierte von Tag zu Tag mehr, dass die behördlichen Massnahmen für Kulturbetriebe viel einschneidender waren als für andere Branchen, etwa die Ladengeschäfte oder Gastronomie. Zur mehr und mehr gärenden Unzufriedenheit über diese Ungleichbehandlung gesellt sich die immer prekärer werdende Situation von vielen Künstlerinnen und Künstlern, aber auch aller anderen Dienstleister*innen in der Veranstaltungsbranche. Da stand man, ruiniert oder kurz davor, ohne Aussicht auf finanzielle Unterstützung und ohne Perspektive auf eine Besserung der Situation in absehbarer Zukunft. Und dann werden, zum Beispiel direkt vor dem geschlossenen Stadttheater und Kornhausforum, kitschige Holzchalets fürs gesellige Fondue samt Glühwein aufgestellt. Notabene mietfrei, wie man später erfuhr.

Ist es also nicht die Kultur, für deren langsamen Tod wir am Montag Kerzen anzünden, sondern der von Kommerz und Partylaune erstickte gesunde Menschenverstand?

Zu spät ...

Warum findet das Ganze erst jetzt statt, kurze Zeit, nachdem die Berner Regierung am Freitag ihre «feste Absicht» bekräftigt hat, die Kulturinstitutionen – nach 51 Tagen Stillstand – ab dem 14. Dezember wieder zu öffnen. Warum schweigen wir Ende November, statt dass wir am 23. Oktober laut aufgeschrien haben, als der Kanton Bern den kulturellen Institutionen – und zwar buchstäblich von heute auf morgen! – den Stecker gezogen hatte? Wo blieben damals die Proteste, der Aufschrei?


Und warum schweigen wir unten an der Aare, wo an einem kalten Novembermontag höchstens ein paar witterungsfeste Jogger und Hündeler diese Aktion sehen? Das wird zwar schön und romantisch aussehen, wenn sich die vielen Lichter im winterlich tiefen Wasserpegel der Aare spiegeln. Aber wird es – ausser von der sich in sich selber spiegelnden Kulturszene – auch ausreichend wahrgenommen?


… aber trotzdem wertvoll!

Das Kulturschweigen ist eine Idee aus Basel. Dort wurde es bereits am 9. November durchgeführt, einem historisch gleich doppelt belasteten Datum: Am 9. November 1938 gipfelten die die Pogrome gegen jüdische Mitmenschen im deutschen Reich in der so genannten «Kristallnacht»; am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer.


Der Anlass vom Montag kommt spät und über die Ausdrucksform des Protestes kann man sich streiten, er ist aber trotzdem wichtig. Denn er mobilisiert die bernische Kulturszene zum selten gesehenen Ereignis, sich gemeinsam zu zeigen und zu wehren. Was die Krise des Jahres 2020 mit aller Deutlichkeit gezeigt hat: die Kultur hat keine starke Lobby. Und in stürmischen Zeiten wie den heutigen, macht sich dies umso schmerzhafter bemerkbar.


Es geht hier nicht nur – aber auch – um den Verteilkampf um die Gelder, welche öffentliche Hände zur Abmilderung des Schadens verteilt haben. Es geht hier um die politische und gesellschaftliche Wertschätzung der Kunst als Teil unseres Lebens, unseres Alltags, unserer Bildung und unserer seelischen Gesundheit. Es geht darum, das Selbstverständnis eines Systems so zu verändern, dass die Frage, ob Kunst und Kultur systemrelevant seien, gar nicht erst gestellt wird! Da gibt es noch viel zu tun! Bis niemand mehr auf die Idee kommt, dass urbanes Après-Ski und Black-Friday-Shopping zwar unverzichtbar sind, Kultur aber schon.


Christoph Hoigné La Cappella




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