• François Loeb

Gaffe



Mein Besuch aus der Romandie, des Deutschen wohl mächtig, des Dialektes kaum, stellte mir beim Nachtessen, es gab Gschwelti mit herrlicher Käseauswahl, eine Kartoffel langsam schälend, die Frage was wir Berner unter Gaffe verstehen würden. Nun, kein Problem dachte ich und zeigte auf meine Tasse. Der Gast schüttelte vehement den Kopf. Nein, meinte er, das sei kaum der Fall, oder vielleicht doch, hätte er doch beim durch die Arkaden schlendernd, von einem älteren Ehepaar das vor ihm lustwandelte, vernommen sie gingen jetzt go gaffe. Das habe ihn ganz Neugierig, ja gibelig gemacht. Ich fragte mich gleich wo er das Wort gibelig aufgeschnappt habe und ob er wisse was dieses bedeutet. Nun ja Romands haben eine schnelle Auffassungsgabe und er lerne bestimmt rasch. Ja, sagte er dann zu mir, von gaffe hätten sie geredet und dann beschlossen zum Loube Gaffer zu gehen. Er habe nun wirklich nicht erwartet, dass die Berns Lauben unter Gaffe gesetzt würden, der Gaffe einfach so fliessen würde wie im gelobten Land Milch und Honig. Denn da hätten doch alle Laubengänger eine Tasse samt Untertasse in der Hand halten müssen um den fliessenden Segen, woher er auch komme, einzufangen. Er habe darauf beschlossen den beiden zu folgen. Diskret natürlich, so wie ein Privat- oder öffentlicher-Detektiv dies zu tun pflege. Sie seien das ganze Rohr in Bernischem Tempo, also Schneckenpost, links und rechts in die Schaufenster guggend, ja sie sagten immerzu ‚gugg emau da’, herunter oder herauf spaziert, dem Bahnhof zu. Hofften, so dachte er, damit sich der Gaffe Quelle zu nähern, um dann ihre Tassen, die sie natürlich im Schrank haben mussten, wo diese auch versteckt seien, vielleicht unter dem Gloschli der Frau, hervorzuzaubern um diese füllen zu lassen. Aber nichts solches geschah. Nein sie nahmen den Lift, den die beiden kurz davor auf der Münsterplattform Sänkutram genannt hatten, liessen sich damit in die Untergründe des Bahnhofs fahren und dann nach einem Umstieg wieder hoch, um dann neben einem übergrossen Schaukasten in dem ein Männu sass, stehen zu bleiben, der mit Loubegaffer angeschrieben war und der die zwei und auch ihn mit festem Blick fixierte und uns alle drei nicht mehr loslassen wollte.


Er wolle nun wissen, dabei schälte er die dritte heisse Kartoffel, was das auf sich habe. Ob das Paar dort Unterricht, einen Schnellkurs genommen habe, um zukünftig die Lauben besser zu beherrschen, indem sie in gleicher Position wie ihr Vorbild in Zukunft stehen, die Laubenbummler mit ihren Augenblicken fesseln und zu noch langsamerem Gehen antreiben wollten. Ja, da verschluckte ich mich an einem Stückchen rässen Appenzeller, schwor mir in Zukunft nichts so Östliches zu mir zu nehmen, mich mit echtem Berner Emmentaler ganz ohne Gaffe zu begnügen, lieber e suure Moscht us Ramsei das Mahl zu kommenden Malen begleiten zu lassen …


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