• Christoph Hoigné

Erdbeben der einen oder anderen Art

Vorab: Herzlich Willkommen Christoph Hoigné von der La Cappella

im Team der regelmässigen BÄRN!Blogger*innen!

Foto Lea Moser


Gestern hat die Erde gebebt. Manche haben einen lauten Knall vernommen, bei anderen hat der Erdstoss das Gebäude geschüttelt. Wir sind uns keine Erdbeben gewohnt im behäbigen Bern. Keine tektonischen, keine politischen, keine kulturellen. Anders als beispielsweise in Basel, ist das Beben der Erde in der Bundesstadt eine Seltenheit. Und nun das. Die Tatsache, dass das Epizentrum beim gestrigen Beben von 14.27 Uhr in diesem Dorf lag, hat Niederscherli die berühmten «15 minutes of fame» beschert, mit denen Andy Warhol einst die Flüchtigkeit des Ruhmes demaskiert hatte. Einer Freundin in der Altstadt bescherte es erst einen Schrecken und dann die beruhigende Einsicht, dass ein Haus, das dem Zahn der Zeit seit dem 13. Jahrhundert trotzt, wohl auch noch ein paar weitere Jahrhunderte übersteht.


Heute vor einem Jahr haben wir alle ein Erdbeben ganz anderer Art erlebt. Unsere Regierung hat erstmals seit dem zweiten Weltkrieg das Notrecht verhängt. Es hat uns alle erschüttert, als Bundespräsidenten Simonetta Sommaruga sagte: «Jetzt muss ein Ruck durch unser Land gehen.» Das es weitaus mehr als ein Ruck war in den vergangenen zwölf Monaten, haben inzwischen auch diejenigen begriffen, die erst bei den diversen Nachbeben realisierten, wie umfassend wir alle diesmal durchgeschüttelt werden.


In vielen Branchen und vor allem: in vielen Leben ist vieles nicht mehr wie vorher. Und das Meiste ist nicht besser geworden. Zehntausend Familien betrauern den Tod eines Angehörigen. Wir sind es leid, Maske zu tragen, jedes Gegenüber als potenziell ansteckend auf Abstand zu halten und uns mit Zoom-Sitzungen, Online-Vorlesungen oder Live-Streams herumzuschlagen. Im Bereich Kunst und Kultur, der mir naturgemäss näher liegt als andere, treffe ich abwechselnd auf Resignation, Galgenhumor und verzweifelte Kreativität. Oder wie wollen wir es nennen, wenn eine Schauspielerin wieder Lehrerin wird, ein Kabarettist Teigwaren produziert, eine Pianistin Brot bäckt, ein Chansonsänger als Krankenpfleger arbeitet oder Tontechniker sich zu Buschauffeuren umschulen?


Jugendliche und junge Erwachsene trifft es besonders heftig. In ihrem Alter muss man dringend raus, sich treffen, austauschen, messen und zusammen feiern können! Aber unsere geliebte Stadt ist abends so traurig und leer wie es wohl in viele Gemütern aussieht. Wir brauchen Hoffnung und Perspektiven. Aber die dräuende dritte Welle verlangt bloss eines: Geduld!


Auch die Bühnenszene braucht viel Geduld. Die Cappella ist wie alle Theater im Kanton Bern seit 144 Tagen geschlossen. Wir sehnen uns nach dem Leben, das wir vorher führten. Nach Künstlerinnen und Künstler, die uns mitnehmen in ihre Welt von Ideen und Melodien, nach Lachen und Applaus, nach Gesprächen und Diskussionen an unserer Pausenbar, nach den vielen frohen Gesichtern, die nach jeder Vorstellung aus der Türe strömen. Wir wollen euch zurückhaben, liebe Cappella-Family – aber wir wollen auch, dass ihr gesund bleibt und euch nichts passiert! Darum sind und bleiben wir hoffnungslos zuversichtlich.


www.la-cappella.ch


Die Berner Theater sind seit 144 Tagen geschlossen. Aber im Dezember ploppte im Breitenrain für sechs Tage das «Café La Cappella» auf.


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