• Text und Bild Karin Hofmann

Die Ermordung des Sommers

Dieses Jahr schlich sich der Sommer nicht sang- und klanglos davon, sondern er verunfallte oder wurde ermordet. So jedenfalls fühlte es sich an, Mitte September: gerade eben hatten uns noch wärmende Sonnenstrahlen eingehüllt und liessen ein Fünkchen Hoffnung aufkeimen, dass der Sommer dieses Jahr ausnahmsweise ewig dauern würde, als er von einem Tag zum andern abrupt endete. Aber so ein Sommerabschluss passte ja ins 2020. Nichts war heuer normal; nicht der gestohlene Frühling, nicht der abrupt beendete Sommer und auch nicht der Herbst, der zu Beginn eher einem Winter glich.


Aber zumindest passt der heutige Tag genau zum November, wie ich ihn mir vorstelle: auf meiner wöchentlichen Joggingrunde laufe ich durch den Rosengarten und blicke auf die Suppe unterhalb des Aargauerstaldens. „Die schönste Stadt ist die schönste Stadt auch im Nebel“, denke ich obwohl ich nichts davon sehen kann. Einen Moment halte ich inne und sinniere über das Jahr, das schon bald war. Ach dieses 2020! Es wird als ein verrücktes Jahr, ein einzigartiges, ein sonderbares in Erinnerung bleiben. Nicht unbedingt in guter. Für viele Menschen wird der Gedanke an 2020 für immer mit dem Verlust ihrer Lieben, dem Verlust ihres Jobs oder ihres Einkommens oder mit Krankheit und Leiden, mit Angst und Unsicherheit verbunden sein.


Achtsam auf der Joggingrunde

Vieles, wie zum Beispiel die psychische und physische Gesundheit, braucht im momentanen Ausnahmezustand mehr Achtsamkeit. Aber wie geht achtsam sein überhaupt? Ist es nicht so, dass man genau dann, wenn alle zur Achtsamkeit raten, weder Zeit noch Geduld dafür aufbringen kann? Und wenn der Geist voller Fragen und Sorgen ist und die Nerven blank liegen, man viel lieber essen, auf dem Sofa liegen oder einfach schlafen möchte? Zumindest geht es mir vielfach so. Gerade deshalb raffe ich mich mehrmals pro Woche auf und gehe joggen. Dabei absolviere ich aber keinen Sprint durch die Strassen, sondern jöggerle gemütlich umher, mache ein Foto hie und da und vor allem, achte mich auf die kleinen Dinge und die Menschen rund um mich herum.

Heute zum Beispiel grüsst mich auf meiner Runde eine Frau am Uferweg und strahlt mich an, einfach so. Kurz später springt ein Hund in die Aare und bellt freudig. „Das würde ich jetzt auch gerne tun, wenn es nicht so bitterkalt wäre!“ sagt der Hundehalter spontan zu mir. Ich stimme zu, wir lächeln uns an und wünschen uns einen schönen Tag.

Wenig später im Bärenpark stehen zwei Bärenwärter (die heutzutage sicher anders heissen) auf dem Weg und rauchen. „Was machen Sie eigentlich im Winter, wenn die Bären schlafen?“ frage ich und sie grinsen. „Drehen Sie mal den Kopf nach rechts!“, sagt der eine und tatsächlich! Unter uns trottet Finn durch das Gehege. Ich lerne von den beiden, dass Bären eigentlich nicht im Winterschlaf, sondern in der Winterruhe sind und sogar ab und zu aufwachen und sich für kurze Zeit vor die Höhle setzen. Und dass Björk seit drei Wochen schläft, was angesichts der eisigen Temperaturen der letzten Tage durchaus vernünftiger erscheint, als im Gehege herumzustreunen.


Einfach menschlich!

Na und, denken Sie nun vielleicht; drei nichtssagende Begegnungen mit Fremden an einem trüben, kalten, nebligen Novembermorgen. Stimmt. Aber genau in diesen Momenten im Austausch mit mir fremden Menschen fühlt sich das Leben an, als sei es vollkommen normal. Trotz sozialer Distanz und Maskenpflicht: ein paar lächelnde Augen, ein paar freundliche und aufmunternde Worte, ein unbeschwertes Lachen hier und da machen vielleicht genau den Unterschied im (Über-)Leben von Menschen aus, die ihre ganze Kraft aufbringen müssen, um mit der jetzigen Situation zurecht zu kommen. Darum bin ich überzeugt: wenn wir aufeinander achten und uns gegenseitig schützen und unterstützen, werden wir diese Krise besser meistern können. Und vielleicht wird der Winter dadurch dieses Jahr ja anstatt kalt und düster auch irgendwie anders sein als üblich- zum Beispiel hell und freundlich? Wer weiss, aber verdient hätten wir es!


Kommt gut durch den Winter, bis zur nächsten Runde!


Bern, neu entdeckt Für uns hier aufgewachsenen, hierher gezogenen, geflüchteten oder hier gestrandeten Bernerinnen und Berner ist sie unbestritten die schönste aller Hauptstädte überhaupt. Aber kennen wir sie wirklich so gut, wie wir denken? Die Kolumne “Bern neu entdeckt” bringt Kleines, Kurioses, Leises, Schönes und Verstecktes unserer Stadt ans Licht.


Die Bernerin Karin Hofmann arbeitete13 Jahre lang für das IKRK in Kriegs-und Krisengebieten unter anderem im Irak, Iran, in Afghanistan, Kongo-Kinshasa und Tschetschenien als Delegationsleiterin und Delegierte und Koordinatorin für das Schutzprogramm für Gefangene. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Bern und arbeitet als Geschäftsleiterin beim Verein «Wohnenbern», der verschiedene Wohnformen für Menschen anbietet, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Ihre Erlebnisse im Krieg und Alltag hielt sie im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» fest. Im Buch gewährt die Autorin eindrückliche, sehr persönliche Einblicke in das Leben – und Innenleben – einer IKRK-Delegierten.

In jeder Hölle ein Stück Himmel. 13 Jahre in Kriegs- und Krisengebieten. Lokwort-Verlag, Bern 2018. 396 S.

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