• Text und Bild Karin Hofmann

Das letzte Mal

Langsam ziehe ich meine Kleider aus und lege sie schön gefaltet neben die Joggingschuhe unter den Baum. Die Sonne scheint, es wird ein schöner Tag. Doch die Luft ist noch kalt an diesem Freitagmorgen Anfang September. Auf dem Wasser schwimmen die ersten gelben Blätter. Fast kann man den Nebel erahnen, der sich bald über den Fluss legen wird.

Das wird nun also mein letztes Mal sein. Vielleicht.

Aber muss es das? Was hindert mich daran, dass es nie ein letztes Mal geben wird?

Schnellen Schrittes laufe ich dem Uferweg entlang bis zum Einstieg. Ich fröstle. Einen Moment zögere ich. Soll ich wirklich? Ist es nicht schon viel zu kalt dafür? Doch die Vorfreude auf das Gefühl, das mich heimsuchen wird, sobald ich die Kälte überwunden habe, ist stärker.

Ich brauche nicht lange, um hineinzusteigen und mich dem Fluss hinzugeben.

Auf dem Rücken treibend strecke ich die Arme seitlich aus. Das Wasser hüllt mich ein. Ich schliesse die Augen und verliere das Gefühl für Raum und Zeit. Mein Körper wird eins mit dem Wasser. Ich wage kaum mehr zu atmen. Endlos lange lasse ich mich so treiben.

Voller Glücksgefühle steige ich aus dem Wasser und laufe zu meinem Häufchen Kleider zurück, das einsam unter dem Baum liegt. Auf der Bank in der Nähe sitzt eine Frau, sonst ist zu dieser frühen Stunde niemand hier.

Ich trockne mich ab und ziehe mich an. Als ich aufblicke, steht die Frau vor mir.

„Warst du das vorhin in der Aare? Auf dem Rücken?“ fragt sie.

Ich nicke.

Sie lächelt mich an. „Es war ein wunderbares Bild. Diese Frau in der Aare, als wäre sie ein Teil davon.“

Ich lächle zurück. „Genauso hat es sich angefühlt. Ich habe mich fast aufgelöst.“

Sie nickt. „Ich weiss was du meinst.“

Es soll nie aufhören dieses Jahr, vor allem nicht dieses Jahr. Es soll kein letztes Mal geben. Nie.



Bern, neu entdeckt Für uns hier aufgewachsenen, hierher gezogenen, geflüchteten oder hier gestrandeten Bernerinnen und Berner ist sie unbestritten die schönste aller Hauptstädte überhaupt. Aber kennen wir sie wirklich so gut, wie wir denken? Die Kolumne “Bern neu entdeckt” bringt Kleines, Kurioses, Leises, Schönes und Verstecktes unserer Stadt ans Licht. Die Bernerin Karin Hofmann arbeitete13 Jahre lang für das IKRK in Kriegs-und Krisengebieten unter anderem im Irak, Iran, in Afghanistan, Kongo-Kinshasa und Tschetschenien als Delegationsleiterin und Delegierte und Koordinatorin für das Schutzprogramm für Gefangene. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Bern und arbeitet als Geschäftsleiterin beim Verein «WOhnenbern», der verschiedene Wohnformen für Menschen anbietet, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Ihre Erlebnisse im Krieg und Alltag hielt sie im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» fest. Im Buch gewährt die Autorin eindrückliche, sehr persönliche Einblicke in das Leben – und Innenleben – einer IKRK-Delegierten. In jeder Hölle ein Stück Himmel. 13 Jahre in Kriegs- und Krisengebieten. Lokwort-Verlag, Bern 2018. 396 S.


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