• Michèle Freiburghaus

Auszeit in der Bucht von Bern


Für viele Bernerinnen und Berner ist die Hodlerstrasse nachts ein Unort und dennoch pilgern sogar auswärtige Feinschmecker*innen hierher. Denn nur 4 Minuten zu Fuss vom Bahnhof Bern befindet sich ein echtes Schmuckstück der Berner Gastronomie. Niemand schlendert zufällig ins Bay – man muss es vom Hörensagen kennen und finden. Denn gleich neben dem Kunstmuseum führt ein kleines Stützli hinunter zum Kubus, der die Räumlichkeiten des Restaurants Bay beherbergt – noch immer ein Geheimtipp in Bern, den zu entdecken sich in jeder Hinsicht lohnt.


Beeindruckt bleiben wir nach dem herzlichen Empfang erst mal stehen, denn das Interieur des zweistöckigen Lokals mit seiner schönen Terrasse ist aussergewöhnlich für Bern – modern und doch behaglich, viel Transparenz durch Glas, schöne Lampen aus Naturmaterialien und Kerzen, die eine tolle Ambiance zaubern. Und die Farbe «Grün», die sich wie ein roter Faden durch das Konzept zieht. Inspiriert wurden Maurice Bridel und vor allem seine Frau Christina, die als Innenarchitektin fungierte, von Restaurantbesuchen in Barcelona, Lissabon und Berlin. «Aber auch von kleinen, beseelten Lokalen in Marseille oder Palma die frische echte Küche ohne Schnickschnack anbieten» betont Maurice. Im Bay gelang denn auch eine ansprechende Symbiose zwischen neu und alt – die ehemalige Stadtmauer wurde beispielsweise auch im Bay sichtbar in die Architektur einbezogen.


Seit März 2018 verwöhnt das Restaurant Bay nun seine Gäste mit kulinarischen Köstlichkeiten, wichtig sind sogenannte Second-Cuts* und regionale Fischgerichte. «Wir stehen für eine unaufgeregt anspruchsvolle, echte und lebendige Gastronomie. Was uns antreibt, sind die Liebe zum authentischen Essen und Trinken, das glücklich macht“ hält der Gastronom fest. Im Stil der «Modern Brasserie» werden von Küchenchef Martin Strehle französische Klassiker neu interpretiert, er setzt dabei auf regionale Produkte. Zuletzt kochte Martin Strehle in dem mit 14 Gault Millau Punkten ausgezeichneten Restaurant des Tropenhauses Frutigen. Zuvor arbeitete der renommierte Koch im Hotel St. Petersinsel und im Lindner Hotel Leukerbad. Das Bay ist unter anderem bei Gault Millau Pop gelistet und gewann den Best of Swiss Gastro «Trend» Award. Die Architektur der Lokalität wurde mit dem Jost Hartmann-Preis der Stadt Bern ausgezeichnet.


Genug der Theorie, für uns ging es ans Geniessen. Das Apéro-Wasser für meinen Hund stand bereits parat, wir hingegen genehmigten uns etwas Gehaltvolleres, einen Bay Sprizz mit Quitten-Gin, Prosecco, Grapefruit und einem Spritzer Soda – Ferienstimmung pur! Aus der angenehm überschaubaren Karte wählten wir als Vorspeisen eine Kürbissuppe und einen Risotto. Beides viel zu profane Bezeichnungen für die überraschenden Kreationen, die uns serviert wurden – kleine Geschmacksexplosionen durch ebenso aussergewöhnliche wie gelungene Kombinationen von Ingredienzen. Ebenso verhielt es sich bei den Hauptspeisen, einerseits einem hervorragenden «Flankensteak», einem Second Cut vom Rind und dem roten Linsen Dal mit Frutiger Tempeh (ein traditionelles Fermentationsprodukt aus Indonesien) und Mandarinen Apfel Sauce mit Cranberries. Beide Fleischgerichte butterzart und so reichlich bemessen aufgetischt, dass wir leider auf das Dessert verzichten mussten. Dafür kredenzte und Maurice stolz einen Dessertwein, einen 5jährigen Rivesaltes Ambré von Arnaud de Villeneuve, dessen leicht rauchige Baumnussnote uns ausserordentlich gut mundete. Den Weinen gilt eine grosse Liebe von Maurice Bridel, der seit 8 Jahren in der Weinbranche als Einkäufer arbeitet: «Ich kann solide Terroirweine von „Laborweinen" unterscheiden. Wir suchen für das Bay nach authentischen Produkten mit einer Geschichte, von kleinen und mittleren Produzenten. Mindestens ein Viertel soll Bio oder Naturwein sein.»


Zu guter Letzt zeigte uns Maurice den neuen Bankettsaal im historischen Wurstenbergerturm, dieser ist als Teil der ehemaligen Stadtbefestigung durch die alte Stadtmauer mit dem Bluttturm an der Aare verbunden. Das einladende Eventlokal ist für 10 bis (in normalen Zeiten) 50 Personen mit eigener Küche konzipiert und ideal für Anlässe vom privaten Geburtstag bis zur Firmenfeier.


Eines ist sicher: Wir legen bestimmt bald wieder mal an in der Bay, der Aarebucht von Bern!








www.restaurantbay.ch


*Was heute Special Cut oder Secon-Cut genannt wird, hiess früher einfach «Metzgerstück». Das waren schmackhafte Fleischstücke, von denen man scherzhaft sagte, dass sie der Metzger am liebsten für sich selber zur Seite lege. Bis in die 70er-Jahre fand man diese Kurzbratstücke ganz selbstverständlich in den Metzgereien. Heute dienen sie mehrheitlich als Wurstfleisch oder Ragout.

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