• Sam Mumenthaler

Als Hans-Ruedi Matscher Radio machte

Die Nachricht vom Tod von Hans-Ruedi Matscher hat mich berührt. Dabei kannte ich ihn alles andere als gut. Er war keiner, den man schnell fassen konnte, zu vielfältig, zu unstetig, zu kreativ war er wohl. Biografische Streiflichter gibt es in den Nachrufen in den Zeitungen und auf Social Media. Ich habe eine Erinnerung an ihn, die mich unverhofft in eine Zeit zurückversetzt hat, als auch die Medienlandschaft in Bern (und überall) eine ganz andere war.


Ich arbeitete ab 1986 für einige Zeit beim Berner Lokalradio ExtraBE, heute Bern 1. Von Anfang an war ich nicht dabei, aber als ich zum ersten Mal hinter dem Mikrofon sass und mein selbst zusammengestelltes Musikprogramm moderierte, war noch viel vom gemeinschaftlichen Gründergeist zu spüren. Bald schon wurde der erste Programmleiter und Vollblutjournalist Matthias Lauterburg vor die Tür gestellt, die neue Eigentümerschaft von der Berner Zeitung wollte bessere Zahlen sehen. Nach einem kurzen Intermezzo wurde Hans-Ruedi Matscher als Geschäftsleiter verpflichtet. Ich hatte noch nie von ihm gehört. Das sei ein erfolgreicher Werber, hiess es. Als Matscher zum ersten Mal in den Studioräumlichkeiten an der Laupenstrasse auftauchte, passte seine Erscheinung nicht wirklich ins neue Bild eines kommerzielleren Radios. Zerknauschte Klamotten, flackernder Blick, rauchige Stimme: Matscher war mehr übernächtigter Freak als dynamischer Manager. Aber er veränderte etwas. Unter seiner Ägide wurde ExtraBE vom gmögigen Vorstadtradio zum sprudelnden kulturellen Labor. Nicht, dass Matscher ein guter Chef gewesen wäre, alles Autoritäre muss ihm zutiefst suspekt gewesen sein. Im Studio hielt er sich vorallem des Nachts auf, wenn er - zusammen mit seinem Seelenverwandten Dänu «Sleepy Dan» Boemle, der bei ExtraBE seine Moderatorenlaufbahne begann - an Hörspielproduktionen tüftelte. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Lokalradio, das eigene Hörspiele produziert – 35 Jahre vor dem Podcast-Boom! Nicht eines, sondern in Serie. Eine Weile lang sendete ExtraBE jede Nacht ein «Schreckmümpfeli», damit die Hörerschaft schlechter schlafen konnte. Matscher engagierte Schauspielerinnen, stand auf schräge Sounds und war auch sonst das Gegenteil eines Konformisten. Klar, dass das nicht lange gut gehen konnte. Über die genauen Umstände seines Abgangs bei ExtraBE weiss ich nicht Bescheid, denn da war ich schon weg.


Menschlich kam ich damals nicht richtig an ihn heran. Ich war noch grün hinter den Ohren und er schien es faustdick hinter denselbigen zu haben. Was mir geblieben ist: Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Hans-Ruedi Matscher über Konventionen hinwegsetzte und seine Ideen umsetzte. Er war ein inspirierender Mensch. Und was er mit seinen Matscher’s Mondays und His Matscher’s Voice für die Berner Musikszene und das Nachtleben getan hat, soll hier auch nicht unerwähnt bleiben.


Machs guet Hans-Ruedi und eine gute Reise!


Foto Sonja Kräulinger


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