• Gastbeitrag Regina Bircher

Protokoll einer Schutzmaskennäherin

Sonntag 26.4.2020

Das gelbe Maul des Briefkastens in der Hauptbahnhofhalle Bern schluckt die Menge Couverts

mit Gier ein und in mir breitet sich die Erleichterung aus.

«Geschafft, die nächste Runde abgeschlossen.» Nun sind sie unterwegs zur Eröffnung des Maskenballs...

Ich mache mich wieder auf den Weg nach Hause nach Rubigen.

Morgen fängt das neue Krisenszenario an und ich habe den Beitrag rechtzeitig geleistet.

Ab Sonntag 15.3.2020

Nach dem strengen Umzug und den Vorbereitungen für die ersten Schritte der Auswanderung bin

ich ziemlich fix und foxi. Das Atelier ist minimiert, sämtliche Stoffe verschenkt und die einzige Nähmaschine für alle Notfälle steht in meinem kleinen Reich. Die letzte Kollektion in Tschechien Eingelagert, bei einem meiner Show Modells. Das Nähen wird mir fehlen, denke ich.

Der Face-Time Anruf meines Bruders warf alles durcheinander.

Für die ganze Familie gilt ab sofort ein Maskenpflicht. Die Tschechen sind los!

Ich nehme in der Zeitung und in privaten Gesprächen die Solidarität und das Miteinander wahr.

Was dort passiert geht hier auch, dachte ich. Ich habe das Glück die zwei Länder und die Massnahmen eins zu eins vergleichen zu können. Och! Wie ich mich geschnitten habe!

Die Maschine aufgestellt, die wenige Reststoffe parat gelegt, Schnittmuster von Kollegin in Tschechien erhalten, mache mich an die Arbeit.

Selbstverständlich will ich mich auch hier nützlich machen. Meine ersten Stücke präsentierte ich in Sozial Medien und bekam einen harten Rückschlag. Hysterie und Panik Verbreitung, so sah es die Mehrheit. Ich habe mich zurückgezogen und eine Masken Reserve für den Familienkreis angefertigt.

Ab Sonntag 29.3.2020 bis heute

Ich habe unzählige Bestellungen angenommen von Menschen die wussten, dass ich nähe.

Mit anfänglichem Hier und Her habe ich – als gebranntes Kind – zuerst überlegt, was ich damit anfangen kann. Die letzte Enttäuschung und das Gefühl «ja doch, ich mache mit», haben einen inneren Kampf ausgetragen. Nachdem ich die Teilnahme im Onlineshop stillgelegt habe, wurde diese mit nur einem Produkt – ein 3er Set Stoffmasken neueröffnet.

Seit diesem Datum kann ich mich kaum retten. Mein Alltag dreht sich um Bestellungen, Stoffsammlung, Aufrufe in Facebook Twitter wiederholen, die Stoffe holen, Masken nähen, einpacken, Lieferscheine drucken, Couvert anschreiben und verschicken.

Es liegt nicht viel drin allen Sonderwünschen bezüglich Farbe, Muster und Grösse nachzugeben.

Ich erlebe Unzufriedenheit oder Ungeduld gleichzeitig aber auch Dankbarkeit und Freude.

In den kurzen Zeilen des Feldes «Bemerkung» versuche ich mir, die Person vorzustellen, die

von mir angefertigte Masken zu Ihrem Schutz braucht und sich so auf mich verlässt.

So verbringe ich 10 -12 Stunden mit den 7 Abläufen der Anfertigung und werde langsam zu Profi.

Die Stoffmenge nimmt beängstigend ab – ich sollte wieder einen Aufruf starten.

Die Anteilnahme meiner Mitmenschen, die aushelfen, berürhrt mich. Nachdem meine Nähmaschine heissgelaufen ist und in die Reparatur musste, vergingen nicht 4 Stunden und ich bekam eine zum Gebrauch. Auch der Techniker hat Gas gegeben und die Produktion konnte ununterbrochen weiterlaufen: Im Garten, wenn die Sonne scheint, im «Atelier» bei Filmreportagen oder Hörbüchern aus dem I-Pad. Wenn mein Körper und die Augen streiken, verschwinde ich in die Wälder oder an die Aare um beides zu regenerieren.

Heute habe ich die 544te Schutzmaske auf die Reise geschickt.

Die Meinungen scheiden sich und die Anfertigung und der Verkauf von diesen Schutzmassnahmen nehmen diverse Richtungen ein. Es ist kein Business und es sollte auch keines werden in der Krisenzeit.

Ständig erhalte ich Berichte und Kommentare pro und kontra via Sozial Media zugeschickt.

Ich lese sie nicht. Meine Aufgabe, für die ich mich entschieden habe, kenne ich. Aus welchen Beweggründen die Leute bei mir die Masken bestellen, geht mich nichts an. Ich bin der Meinung, dass jede und jeder die Pflicht und das Recht hat, über seine Gesundheit und sein Wohlbefinden zu entscheiden.

Das ist für mich massgebend. « Schau zu dir, bevor es jemand anderer tun muss».

Regina Bircher wohnt mit ihrem Partner bei der Mühle Hunziken und stellt im Akkord Schutzmasken her, auch für Pflegepersonal. Sie betrieb ein Nähatelier, ein Catering und einen Blog. Zur Zeit sind die Beiden an den Vorbereitungen für ihre Auswanderung nach Georgien. Webseite

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