Schönreden hilft nichts, Durchhalten schon

08/04/2020

 

2005, Kabul. Wir lebten in einem ummauerten „Compound“, dessen einziger Zugang durch ein kleines Häuschen führte, in dem zwei bärtige Männer mit Turban Wache hielten. Wir, das waren rund 50 IKRK-Delegierte aus verschiedenen Ländern. Die Welt ausserhalb unserer schützenden Mauern war „Off-limit“, wir durften den Compound nicht verlassen. Draussen herrschte Krieg: Anschläge auf Militäreinrichtungen, Botschaften, Restaurants oder Hotels oder auf Zivilpersonen an belebten Strassen und Plätzen ereigneten sich regelmässig. 

 

Jeden Morgen wurden wir abgeholt und ins Büro gekarrt, dessen Fenster zum Teil mit Sandsäcken verbarrikadiert waren. Am Abend ging es zurück in den Compound. „Boulot-Dodo-boulot“: arbeiten und schlafen, mehr gab es nicht. Die Welt rund um uns war feindlich und gefährlich und wir hinter den Mauern eingesperrt. Damit wir nicht ganz versauerten, gab es einmal im Monat einen organisierten Shoppingtrip in einen etwas grösseren Laden am Rande der Stadt und je nach aktueller Lage waren mal ein oder zwei Restaurants in der Nachbarschaft „on limit“ – bis sich auch dort ein Zwischenfall ereignete. Dann war wieder alles zu.

 

Wir vertrieben uns die Zeit, so gut wir konnten: im Sommer im Garten, im Winter im Zimmer. Wir schauten DVDs, schrieben seitenlange Emails nach Hause, schliefen viel und versuchten, uns trotz der eingeschränkten Freiheit regelmässig zu bewegen. Ich machte Yoga zwischen Bett und Pult, sprang Seil auf der Terrasse und irgendeinmal fing ich wieder mit Joggen an: Runde um Runde um mein kleines Häuschen wie ein Hamster im Rad, bis es mir verleidete und ich unter Drehschwindel litt. 

 

Die Notwendigkeit des Ganzen

 

„Wie hältst du das aus?“, fragte mich damals ein Freund im sicheren Bern. Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte mich an den Verlust meiner Freiheit gewöhnt. Ich wusste, dass ein Fehlverhalten meinerseits mich, die ganze Organisation und die humanitäre Tätigkeit für die Bevölkerung im Krieg in Gefahr gebracht hätte. Und so hielt ich mich an die Regeln, 18 Monate lang. 

 

Was mir in dieser Zeit beim Durchhalten half, war nicht nur die Gewissheit, dass mein Freiheitsentzug notwendig war, um mich und andere zu schützen, sondern auch, dass er temporär war. Ich wusste: irgendwann würde ich mich wieder frei bewegen, unbeschwert durch die Strassen flanieren, shoppen gehen, Kino, Theater oder Konzerte besuchen und mich wieder (fast) sorglos über das Leben freuen können. Trotz dieser langen Zeit des Eingesperrtseins (am Ende waren es weit mehr als 18 Monate) war ich mir sicher: den Grossteil meiner Lebenszeit würde ich in völliger Freiheit und hoher Sicherheit verbringen, und dieser Teil zählte hundertmal mehr.

 

Die Krise hat nichts Gutes an sich

 

Heute stecken wir hier im friedlichen Bern völlig unerwartet mitten in einer Krisensituation, die mich immer wieder an meine Zeit in Kriegs- und Krisengebieten erinnert. Auch wenn der Feind ein anderer ist, die Auswirkungen auf unser Leben, auf unsere persönliche Freiheit sind momentan vergleichbar. Oft werde ich gefragt, ob es denn etwas Gutes an den Krisensituation gab, die ich durchlebte. Ob sie mich weitergebracht, ob ich etwas daraus gelernt hätte. Ich entschuldige mich im Voraus, wenn die Antwort nicht ermutigend ist: nein. Ein klares, deutliches Nein. 

 

Jede Krise war schwierig auszuhalten und etwas Gutes kann ich keiner von ihnen auch im Rückblick beim besten Willen nicht abgewinnen. Sie waren nervenaufreibend, stressig und deprimierend, angsterfüllt und sorgenbeladen und sie haben mir meine Unbeschwertheit für immer geraubt. Weitergebracht haben sie mich auch nicht. Ich habe mich auch vorher an kleinen Dingen im Leben erfreut, mich darauf konzentriert, das zu machen, was mir Freude bereitete, ich war auch vorher dankbar darüber, was ich war und was ich hatte und ich war soweit möglich empathisch, hilfsbereit und rücksichtsvoll meinen Mitmenschen gegenüber. Wer all dies vor der Krise nicht war, wird es auch nach der Krise nicht sein. Wir werden „danach“ nicht plötzlich anders sein oder uns anders verhalten. Wir werden weder gesünder, noch erholter noch achtsamer sein. Im Gegenteil. Vielen von uns wird es nach der Krise schlechter gehen, persönlich, finanziell, beruflich, sozial, gesundheitlich. Die jetzige Krisensituation trifft die Schwächsten von uns am stärksten und es ist in meinen Augen zynisch, in dieser Situation von Chancen, von Achtsamkeit, Balast abwerfen und zur Ruhe kommen zu sprechen. 

 

Durchhalten und Vorfreude auf das Ende 

 

Das einzige, was im Moment hilft, ist die Gewissheit, dass auch diese Krise irgendwann einmal vorbei sein wird. Auch wenn dies nicht morgen oder übermorgen sein wird, ich bin sicher, es wird nicht - wie so mancher Krieg - dreissig Jahre dauern, bis wir unser altes Leben zurück haben. Der Rest ist einfach Scheisse, da hilft alles Schönreden nichts. Ich sehne mich jeden Augenblick danach, am Morgen wieder normal ins Büro zu radeln und meine Tochter zur Schule bringen zu können. Ich möchte bei diesen frühsommerlichen Temperaturen sorglos in den Laden stechen, um mir ein Eis zu kaufen. Ich möchte mit meinen Freundinnen in einem vollen Gartenrestaurant sitzen. Ich möchte mich nicht fürchten müssen, dass meine Nächsten erkranken und sterben oder dass ich nach Luft ringend in einem Spitalbett liege und mich frage, was aus meiner Tochter ohne mich werden wird. Ich möchte lachende Menschen um mich haben, denen es gut geht. Ich möchte so vieles tun, was ich immer tat und das ohne Angst. 

 

Um das alles wieder zu erlangen, hilft nur Durchhalten. Ich weiss: meine wöchentliche Joggingrunde muss warten, bis ich Arbeit, Kinderbetreuung und Homeschooling wieder voneinander getrennt erledigen kann. Die Aare, der botanische Garten, das Marzili, der Rosengarten, meine Freundinnen und Freunde und alles andere geht mir nicht verloren und auch dieser momentane Freiheitsentzug wird in der Fülle und Reichhaltigkeit meines Lebens nur einen klitzekleinen Teil ausmachen. Und so bleibe ich geduldig zu Hause, geniesse die Sonne auf dem Balkon und freue mich unbändig darauf, alle unsere wunderbaren Orte in Bern und die lieben Menschen um mich herum irgendeinmal wiederzusehen. Sie werden immer noch dieselben sein, egal wie lange dieser Lockdown noch dauert. Halten wir durch ohne den Mut zu verlieren und ohne uns etwas Schönreden zu wollen. Sie ist unerträglich diese Situation, aber wir schaffen das.

 

Bis zur nächsten Runde!

 

Bern, neu entdeckt

Für uns hier aufgewachsenen, hierher gezogenen, geflüchteten oder hier gestrandeten Bernerinnen und Berner ist sie unbestritten die schönste aller Hauptstädte überhaupt. Aber kennen wir sie wirklich so gut, wie wir denken? Die Kolumne “Bern neu entdeckt” bringt Kleines, Kurioses, Leises, Schönes und Verstecktes unserer Stadt ans Licht. 

Die Bernerin Karin Hofmann arbeitete13 Jahre lang für das IKRK in Kriegs-und Krisengebieten unter anderem im

Irak, Iran, in Afghanistan, Kongo-Kinshasa und Tschetschenien als Delegationsleiterin und Delegierte und

Koordinatorin für das Schutzprogramm für Gefangene. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Bern und arbeitet als Geschäftsleiterin beim Verein «WOhnenbern», der verschiedene Wohnformen für Menschen anbietet, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Ihre Erlebnisse im Krieg und Alltag hielt sie im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» fest. Im Buch gewährt die Autorin eindrückliche, sehr persönliche Einblicke in das Leben – und Innenleben – einer IKRK-Delegierten.

In jeder Hölle ein Stück Himmel. 13 Jahre in Kriegs- und Krisengebieten. Lokwort-Verlag, Bern 2018. 396 S.

 

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