Viel Lesestoff: Bern und sein Ermittler

«Schliesslich muss es dies doch auch geben, dass Worte 
anfangen zu schimmeln, oder?» (Friedrich Glauser) 

 

 

WACHTMEISTER STUDERS SCHWIERIGSTER FALL: EINDEUTIG DER AUTOR PERSÖNLICH

 

Berns legendärer Ermittler hiess Studer, Vorname Jakob, im Dienstgrad Wachtmeister, verheiratet mit Hedwig (Hedy), wohnhaft in der Nähe des Burgernziels, Thunstrasse 98, von eher rundlicher Statur, ausgebildet seinerzeit bei Professor Gross in Graz. Damals in Ungnade gefallen, einer gewissen «Grossbankaffäre» wegen, hatte er sich in der Folge wieder mühsam hochgerappelt zum angesehenen Kommissar der Stadtpolizei Bern, was infolge seines manchmal unorthodoxen Handelns nicht immer sehr einfach war. Typische Kleidung: Filzhut sowie Regenmantel. Unablässig zog er an seiner krummen «Brissago». Nein, er war kein raffinierter Ermittler wie Hercule Poirot oder Sherlock Holmes, keiner jener Schlaumeier mit Psychologenblick, aber dennoch eine aussergewöhnliche Person. Jakob Studer war ein Polizist mit besonderem Gespür. Einem Gespür für einfache Leute, für ihre Sorgen und Ängste. Mit einer ausgeprägten Empathie gegenüber Gescheiterten und Benachteiligten. Verwandt also mit Georges Simenons Kommissar Maigret. Nur dass Jakob Studers Gespür des Öfteren an der Sturheit seiner Vorgesetzten scheiterte…

 

Im Roman «Schlumpf Erwin Mord» (später «Wachtmeister Studer») besucht der Ermittler den Delinquenten in seiner Gefängniszelle, einen verzweifelten Burschen, der anscheinend einen Mord begangen haben soll. Eigentlich empfindet Wachtmeister Studer Mitleid, aber er kann mit dem besten Willen nichts Entlastendes für den armen Teufel finden. Also geht er, kehrt aber schon nach kurzer Zeit mit einem mulmigen Gefühl in die Zelle zurück – gerade noch rechtzeitig! Erwin Schlumpf hat sich am Zellenfenster aufgehängt. Der Wachtmeister holt ihn herunter, schüttelt ihn ins Bewusstsein zurück und flösst ihm aus seinem eigenen Flachmann Cognac ein. Dabei murmelt er etwas von «arme Cheib».

 

Maigret sowie die eigene Erfahrung

Geboren wurde die Figur des Jakob Studer in Friedrich Glausers Kopf. Georges Simenons Kommissar Jules Maigret vom Quai des Orfèvres lieferte ihm zum Teil die Inspiration. Er gab dies auch offen zu und schrieb dazu in einem Brief an seinen ehemaligen Lehrer: «Kennen Sie Georges Simenon ein wenig? Ich weiss, ich verdanke ihm viel. Im Grunde genommen war es sein Kommissar Maigret, der mich auf die Idee zu meinem Wachtmeister Studer brachte. Ich glaube zwar nicht, dass ich ein Plagiat begangen habe – der Ton, der Rhythmus und die Färbungen von Simenon sind anders als bei mir.» Doch da war noch eine andere Inspiration: Als Friedrich Glauser im Mai 1925 von Belgien in die Schweiz zurückgeschafft wurde, weil er im Drogenrausch einen Zimmerbrand verursacht hatte, nahm ihn an der Grenze ein Fahnder der Berner Polizei in Empfang, um ihn nach Witzwil zu führen. Dieser löste ihm die Fesseln und nahm ihn ins Bahnhofbuffet mit. Dort offerierte er ihm ein Bier sowie ein Nachtessen. Mehr noch: Während des Nachtessens entfernte sich der Polizist sogar eine Weile, um zu telefonieren. Und als der Fahnder schliesslich Friedrich Glauser in Witzwil ablieferte, meinte er, man solle nett sein zu dem Mann, er sei kein Verbrecher, bloss ein «armer Cheib».

 

Der Fahnder als idealisierte Vaterfigur

Der Schriftsteller Peter Bichsel schrieb über Friedrich Glauser: «Sein Wachtmeister Studer wird eine der wunderbarsten Spiesserfiguren bleiben, ein lieber Mensch, ein vernünftiger Mensch, ein gütiger – so etwas wie eine Gegenfigur des Autors, und ich bin nicht sicher, ob Glauser selbst ihn liebte oder hasste, wohl beides: Wie seinen Vater in Wien.» Vermutlich ist Wachtmeister Studer letztendlich eine Mischung aus idealisierter Vaterfigur und Symbol der Gerechtigkeit; beides Dinge, die Friedrich Glauser in seinem Leben stets vermisst hatte.

 

Ce n'était pas très beau – evidemment

Friedrich Glauser war selber ein «armer Cheib». Auf die Frage nach seinem Leben schrieb er in einem Brief an den Journalisten Josef Halperin das folgende CV, in dem er seinen ärgsten Widersacher mit dem Kürzel «Mo» bezeichnete: «Daten wollen Sie? Also: 1896 geboren in Wien von österreichischer Mutter sowie von Schweizer Vater. Großvater väterlicherseits Goldgräber in Kalifornien (sans blague!), mütterlicherseits Hofrat (schöne Mischung, wie?). Volksschule, 3 Klassen Gymnasium in Wien. Dann 3 Jahre Landerziehungsheim «Glarisegg». Dann 3 Jahre Collège de Génève. Dort kurz vor der Matura hinausgeschmissen... Kantonale Matura in Zürich. 1 Semester Chemie. Dann Dadaismus. Vater wollte mich internieren lassen und unter Vormundschaft stellen. Flucht nach Genf ... 1 Jahr (1919) in Münsingen interniert. Flucht von dort. 1 Jahr Ascona. Verhaftung wegen Mo. Rücktransport. 3 Monate «Burghölzli» (Gegenexpertise, weil Genf mich für schizophren erklärt hatte). 1921 bis 23 Fremdenlegion. Dann Paris Portier. Belgien Kohlengruben. Später in Charleroi Krankenwärter. Wieder Mo. Internierung in Belgien. Rücktransport in die Schweiz. 1 Jahr administrativ Witzwil. Nachher 1 Jahr Handlanger in einer Baumschule. Analyse (1 Jahr) ... Als Gärtner nach Basel, dann nach Winterthur. In dieser Zeit meinen Legionsroman geschrieben (1928/29), 30/31 Jahreskurs Gartenbaumschule Oeschberg. Juli 1931 Nachanalyse. Jänner 32 bis Juli 32 Paris als "freier Schriftsteller" (wie man so schön sagt!). Zum Besuch meines Vaters nach Mannheim. Dort wegen falschen Rezepten arretiert. Rücktransport in die Schweiz. Von Juli 1932 - Mai 1936 interniert. Et puis voilà. Ce n'est pas très beau ...»

 

Aller Anfang war schon recht schwierig

Ein bisschen detaillierter: Friedrich Karl Glauser wurde am 3. Februar 1896 geboren. Als er vier Jahre alt war, starb seine Mutter an einer Blinddarmentzündung. Also übernahmen der Vater sowie seine Grossmutter und zwei Stiefmütter die Erziehung. Doch seine Schulzeit war geprägt von einem ständigen Kampf gegen alle Zwänge – die des Vaters, der Schulen sowie der Gesellschaft. Nein, mit Normen konnte Friedrich Glauser nicht anfreunden. Er versuchte von zu Hause auszureissen. Im Gymnasium las er anstatt der Pflichtlektüre philosophische Schriften, woraufhin sich die Schulleitung veranlasst sah, den Vater zu informieren. Dieser kam dem Schulausschluss zuvor, indem er seinen Sprössling flugs im Landerziehungsheim «Glarisegg» am Bodensee einschulte. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit einem Lehrer unternahm Friedrich Glauser 1913 einen ersten Selbstmordversuch, woraufhin er der Schule verwiesen wurde. Eine militärische Karriere scheiterte dann zwei Jahre später in der Unteroffiziersschule mit der Qualifikation: «Unfähig seinen Grad zu bekleiden». Daraufhin flog er 1916 vom Gymnasium in Genf, weil er einen Gedichtband seines Klassenlehrers allzu heftig kritisierte. Aber er schaffte seine Matur dennoch, in Zürich, und zwar im selben Jahr.

 

Safte vita rati rota sequa momofante

Im gleichen Jahr wurde Friedrich Glauser volljährig. Endlich konnte er frei leben, über sich und sein Tun selbst entscheiden. Ein Hochgefühl, das nicht lange währen sollte. Er schrieb sich an der Zürcher Universität als Chemiestudent ein und gründete zusammen mit einem Freund die Zeitschrift «Le Gong». Per Zufall lernte Friedrich Glauser in einer Zürcher Kneipe den expressionistischen Maler Max Oppenheimer, genannt «Mopp». Kennen, der ihn mit Tristan Tzara und Marcel Janco bekanntmachte. Friedrich Glauser war beeindruckt von ihren Ideen, verfasste selber solche Texte und trug sie an den Soirées im «Cabaret Voltaire» vor. Und er steckte mittendrin, als die neue Kunstbewegung zu ihrem Namen «Dada» kam. Hugo Ball und Emmy Hennings wurden seine besten Freunde. Doch nur allzu schnell kam es dann zur Katastrophe: Friederich Glauser lebte viel zu verschwenderisch, verstrickte sich in immer neue Schulden. Schliesslich weigerte sich sein Vater, ständig für diese aufzukommen und erstattete Anzeige gegen seinen eigenen Sohn. So wurde Friedlich Glauser am 18. Januar des Jahres 1918 vom Zürcher Amtsvormundschaftsgericht entmündigt. Damit war die eben erst gewonnene Freiheit bereits wieder für immer entschwunden. Ein Schicksalsschlag, der ihn für den Rest des Lebens aus der Bahn warf.

 

Zwischen Anopheles sowie Pieds-noirs

Zur gleichen Zeit erkrankte Friedrich Glauser an Lungentuberkulose. Durch die Behandlung machte er Bekanntschaft mit Morphium und wurde süchtig. Dank der Krankheit konnte er sich fünf Monate lang dem Zugriff der Behörden sowie einer Einweisung entziehen. Seine Sucht finanzierte er durch kleinere Diebstähle und Rezeptfälschungen. Mehrere Male wurde er verhaftet und schliesslich dennoch in die Psychiatrische Klinik «Burghölzli» eingewiesen. Nach seiner Entlassung wohnte er in einer Kommune im Tessin. Dort wurde er 1920 eines Fahrraddiebstahls wegen verhaftet. Man schickte ihn zurück nach Zürich. Um Jahr darauf flüchtete er aus der ihm damals so verhassten Schweiz und schrieb sich in Strassburg in die Fremdenlegion ein. So gelangte er über Marseille und Algerien schliesslich nach Marokko, wo er sich mit Malaria infizierte und einen weiteren Selbstmordversuch unternahm. Nach zwei Jahren war Schluss mit der Legion, eines diagnostizierten Herzfehlers wegen. Friedrich Glauser zog nach Paris und arbeitete dort als Portier in einem Hotel. Doch auch dort war sein Leben nicht ganz einwandfrei und er sah sich veranlasst, nach Belgien weiterzuziehen, wo er gleichzeitig als Bergmann in einer Kohlengrube sowie als Hauslehrer tätig war. Doch schon bald zwang ihn ein Malariarückfall, die Arbeit in der Grube aufzugeben. Friedrich Glauser verübte im Drogenrausch einen dritten Selbstmordversuch.

 

Die Zeit in der Legion kam wieder hoch

Schliesslich aber fand Friedrich Glauser eine Arbeitsstelle, die ihm zusagte. Nämlich in einer Heilanstalt. Doch bald schon stellte sich heraus: Es war eine höchst unglückliche Fügung des Schicksals. Denn dadurch erhielt er freien Zugang zu den Medikamentenschränken seines Arbeitsplatzes, was seine Morphiumsucht dramatisch steigerte. So dauerte es nicht lange, bis er seine Süchtigkeit auch nicht mehr verbergen konnte. Im Drogenrausch verursachte er einen Zimmerbrand. Die belgische Polizei schob ihn deshalb wieder in die Schweiz ab, wo er von der Basler Grenze weg direkt in die Strafanstalt Witzwil eingewiesen wurde. Dort fand Friedrich Glauser endlich ein bisschen Ruhe. Er begann wieder zu schreiben, konnte sogar einige kürzere Geschichten veröffentlichen. Nach seiner Entlassung 1927 wurde Friedrich Glauser jedoch sofort wieder rückfällig. Wiederholt beging er Diebstähle und wurde wegen Rezeptfälschungen neuerlich verhaftet. Einer Inhaftierung entkam er lediglich durch das Versprechen, sich einer Entziehungskur zu unterziehen. Zu diesem Zweck wurde er erst in die «Waldau», dann in die Anstalt Münsingen eingewiesen. Nach einiger Zeit erhielt er die Erlaubnis, sich ein Zimmer ausserhalb der Anstalt zu suchen. Er übernahm die eine oder andere Gelegenheitsarbeit, verliebte sich in Beatrix Gutekunst und lebte mit ihr zusammen. In dieser Zeit begann der mit den ersten Arbeiten an seinem Roman «Gourrama», in dem er seine Zeit in der Fremdenlegion zu beschreiben suchte. Zwar wurde die Schreibarbeit immer wieder von Suchtrückfällen unterbrochen. Aber immerhin, es ging vorwärts.

 

Gesellschaftlich unpässliche Schreibe

Als dann Beatrix Gutekunst im Dezember 1928 nach Winterthur zog, um eine Tanzschule zu eröffnen, folgte Friedrich Glauser ihr nach. Für seine Arbeit am Roman «Gourrama» erhielt er von der Werkbeleihkasse des Schweizer Schriftstellervereins einen Kredit in der Höhe von 1500 Franken. Neu motiviert, versuchte er, die gegen ihn verfügte Vormundschaft wieder aufheben zu lassen. Vergeblich. Und man strich ihm die letzte Rate seines Werkkredites für «Gourrama», weil er sich weigerte, den Roman zu überarbeiten und die homoerotischen Passagen zu streichen. Gründe genug für Friedrich Glauser, um erneut in die Drogensucht zurückzufallen – diesmal ungewöhnlich schwer. Wegen Rezeptfälschung wurde er wiederum verhaftet und von neuem in die Anstalt Münsingen eingeliefert. Dort schloss er seine Arbeit an «Gourrama» ab und versuchte einen Verleger für das Werk zu finden. Jedoch erfolglos. Ein Freund ermöglichte ihm schliesslich den regelmässigen Opiumbezug bei einem Arzt.

 

Und die Wüste lebte halt trotzdem

«Gourrama» lag Friedrich Glauser am Herzen: «Ich muss euch offen sagen, dass ich die zwei Jahre, die ich in der Legion gedient habe, nicht aus meinem Leben streichen möchte. Ich habe viel gelernt. Ich habe Menschen gesehen und ein Land, das schön ist, weil es so streng ist und hart und weil die Leute, die es bewohnen, uns so gar nicht gleichen. Sie sind stiller, weit stolzer und kindlicher. Ich habe mich oft gefragt, ob es wirklich nötig ist, ihnen unsere sogenannte Zivilisation zu bringen. Sie sind viel glücklicher ohne Giftgasbomben, Schrapnells und Flammenwerfer.» Dass seine Erfahrungen ihn endgültig zu einem Schriftsteller formten, bewies Friedrich Glauser u.a. mit folgendem Romanfragment: «Um Mitternacht machte der Adjutant die Runde und fand den Toten. Er drehte den Körper mit der Fußspitze um, ließ ihn dann liegen bis zum Morgen. Da suchte er einen alten Hafersack hervor, presste selbst den starren Körper in den Sack und ließ ihn im Bled verscharren. Er beaufsichtigte selbst das Zuschaufeln des Grabes. Eine Erdscholle blieb an seinem Stiefelabsatz hängen. Merde, sagte er und schleuderte unwillig seinen Fuß nach vorne.» Nicht mancher verstand es so wie er, innert weniger Zeilen eine atmosphärisch so dichte Szene heraufzubeschwören.

 

Vom Vater lebenslänglich verwahrt

1931 unternahm Friedrich Glauser einen neuerlichen Entzugsversuch, scheiterte indessen abermals. Er begann ein neues Werk: «Tee der drei alten Damen». Wieder auf freiem Fuss, zog er mit Beatrix Gutekunst nach Paris, wo er vergeblich versuchte, sich eine Existenz als Schriftsteller und Journalist aufzubauen. Stattdessen arbeitete er als Hotelportier und verfiel wiederum der Sucht. Also verliess er die französische Hauptstadt und besuchte seinen Vater in Mannheim. Dort kam er wegen Rezeptbetrug in Untersuchungshaft. Der Vater stellte den Antrag, seinen Sohn lebenslänglich in der Schweiz zu internieren und hatte damit Erfolg. Mit der erneuten Einweisung in die Anstalt Münsingen endete Friedrich Glausers Beziehung mit Beatrix Gutekunst. In Münsingen verliebte er sich in die Krankenschwester Beate Bendel, mit der er in Zukunft zusammenleben wollte. Friedrich Glauser fühlte sich neu motiviert. Das Resultat: Friedrich Glauser gewann im August 1934 den ersten Preis beim Schweizerischen Kurzgeschichtenwettbewerb und konnte damit seinen ersten literarischen Erfolg verbuchen. Beflügelt beendete er seine Arbeiten an «Tee der drei alten Damen».

 

Plötzlich als Schriftsteller akzeptiert

1935 begann Friedrich Glauser mit der Arbeit an «Schlumpf Erwin Mord», ein Roman der später dann den Titel «Wachtmeister Studer» erhielt. Damit gelang ihm ein Jahr darauf der endgültige Durchbruch: «Wachtmeister Studer» wurde im Morgarten-Verlag angenommen. Weil man nach der Erstveröffentlichung eines Romans möglichst bald ein nächstes Werk zur Hand haben sollte, begann er unverzüglich mit der Arbeit an zwei weiteren Romanen: «Die Fieberkurve», in den Erinnerungen aus der Fremdenlegionszeit, und «Matto regiert», in den seine Erfahrungen in den Psychiatrischen Kliniken einflossen. Friedrich Glauser stellte zudem den Antrag um Aufnahme in den Schweizer Schriftstellerverein, den dieser im Oktober auch annahm. Der Morgarten-Verlag akzeptierte «Die Fieberkurve», unter der Bedingung, dass der Autor ein paar Passagen überarbeite. Was dieser dann auch tat. Nur einen Monat später erhielt Friedrich Glauser vom Schriftstellerverein den Auftrag für einen weiteren Roman mit der Figur des Berner Fahnders. Und Ende Jahr lag sein erstes Buch «Wachtmeister Studer» in den Buchhandlungen des Landes auf. Der Schriftstellerverein akzeptierte im Rahmen eines Wettbewerbs Friedrich Glausers Projekt «Der Chinese». Im folgenden Jahr erschien «Matto regiert» und löste einen Skandal im bernischen Gesundheitswesen aus.

 

«Der Chinese» brachte ihm den 1. Preis

Im November verstarb der Vater. Zwecks Verarbeitung des Erlebnisses begab sich Friedrich Glauser auf eine lange Reise nach Marseille und Collioure. Weil er angeblich die Erstfassung des Romans «Der Chinese» irgendwo verloren hatte, verlängerte der Schriftstellerverein die Eingabefrist des Wettbewerbs. Also widmete sich Friedrich Glauser deshalb im Januar einer Neufassung und gewann prompt den ersten Preis. Daraufhin trat er guten Mutes eine neue Entziehungskur an, diesmal in der Basler Klinik «Friedmatt». Doch bei einem Badeunfall zog er sich einen Schädelbasisbruch sowie eine schwere Gehirnerschütterung zu. Kurz darnach bekam er 500 Franken als Anerkennungsgabe für den Roman «Der Chinese». Kaum genesen, übersiedelte nach Nervi bei Genua und bearbeite weitere Werke wie «Ascona», «Charleroi» und «Mord in Angeles». Von der Neuen Schweizer Bibliothek erhielt er zudem den Auftrag zur Verfassung einer Autobiografie.

 

Das Schicksal blieb für ewig sein Feind

Friedrich Glauser versuchte, alle für eine Heirat mit Beate Bendel zusammenzubekommen. Daneben beendete er im November den ersten Teil von «Damals in Wien». Die Welt schien endlich in Ordnung zu kommen. Die Vormundschaftsbehörde erteilte sogar die Erlaubnis zur Vermählung. Doch da schlug das Schicksal unvermittelt zu: Am Vorabend seiner Hochzeit, am 6. Dezember 1938, brach Friedrich Glauser beim Nachtessen plötzlich zusammen infolge eines Schlaganfalls und fiel ins Koma. Zwei Tage verstarb er in den frühen Morgenstunden.

 

Wachtmeister Studers Abgang – ein Epilog

Und Wachtmeister Jakob Studer? In einem Pastiche-Roman von Rainer Redies verstarb auch er und wurde im Sommer 1957 in Bern beerdigt. An seinem Grab: Seine Gattin Hedwig, seine Tochter samt Ehemann und deren Kinder, die Arbeitskollegen Murmann und Reinhart und die beiden Freunde, der Notar Münch sowie der aus Paris herbeitelegrafierte Kommissar Madelin. Jakob Studer selbst hatte bestimmt, dass von seinem Tode keine Zeitung etwas verlauten und dass auch keine gedruckte Karte verschickt werden dürfte. Und er hatte es auch vorausgeahnt: «Es würde Tränen geben, Frauen waren in solchen Dingen unvernünftig und unbelehrbar. Aber Studer hatte in den 25 Jahren seiner Ehe gelernt, wie man seinen Willen auch gegen Tränen und Klagen durchsetzen kann. Wie? Man rundete den Rücken, zog den Kopf zwischen die Schultern und vergrub die Hände tief in den Taschen der Hosen oder des Kittels. Und wartete, bis der Regen aufhörte.» Nochmals zitierte man des Toten liebste Sprüche wie beispielsweise: «Sind wir nicht alle auf die Bewunderung unserer Nächsten angewiesen, brauchen wir sie nicht wie’s tägliche Brot? Und käme sie auch nur von einem vierjährigen Kind, von einem Hund oder von einer Katze…» Oder: «Ich habe einmal einen Fall bearbeiten müssen, der spielte in einem Irrenhaus. Und da habe ich es mit einem Herrn zu tun gehabt, der war - warten Sie mal, wie heisst das schon? – ja, der war Psychoanalytiker. Er deutete die Träume und konnte den Leuten dann ganz genau sagen, was mit Ihnen los war. Er Ist gestorben, der Herr Analytiker, seine ganze Traumdeutung hat ihm nichts genützt…» Noch einmal kursierte die Geschichte, wie der Berner Fahnder einst den Schriftsteller und Morphinisten Friedrich Glauser verhaften musste. Und in der Grabrede hiess es: «Jaja, die Toten haben es besser! Sie haben alles hinter sich: Eigene Hochzeit, und Taufe und wieder Hochzeit der Kinder… Sie haben, die Toten, ein für alle Mal ihren Hügel aufgeworfen, und darunter schlafen sie und warten… Warten sie wirklich? Und worauf?»

 

PS: Friedrich Glauser begleitete Wachtmeister Studer in die Welt der Armenhäuser, der Anstalten, zu gescheiterten Existenzen und randständigen Figuren. Damit präsentierte er eine Schweiz, die nichts oder nur wenig mit diesem bis heute propagierten urtümlichen Bauern- und Hirtenland zu schaffen hat. «Die Tulpen stehen in Reih und Glied», heisst es in «Wachtmeister Studer». Der Ort: « Ein nichtssagendes, deprimierendes Kaff irgendwo an der Bahnachse durchs Mittelland. Die Bewohner pendeln auswärts zur Arbeit.» Damals schon, in den 1930er-Jahren.

 

 

 

Hansruedi Matscher, Werber, Sprach- und Kulturtäter, gebürtiger Zürcher und seit 40 Jahren ein Berner Original.

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