Kleiner Glücksmoment am Aareufer

 

Es war Herbst geworden, die Bäume entlang der Aare hatten sich bereits rot, braun und gelb verfärbt, der Uferweg war streckenweise mit gelben Blättern übersät und sah aus wie ein langgezogener Leopard. Es war grau und neblig und man konnte den kommenden Regen in der Luft riechen. Das Laufen fiel mir nicht mehr so leicht wie in den Sommermonaten und als ich von weitem einen Mann am Ufer sah, war ich froh, einen Grund zu haben, mein Lauftempo zu drosseln.

 

Der Mann sass auf einem Rollator, in der Hand ein Plastiksäckchen mit Brotstückchen. Rund um ihn herum sassen Dutzende von Raben und Spatzen und warteten offensichtlich auf ihr Frühstück. Ich wollte die Gruppe nicht stören, doch er winkte mich heran und rief: „Die kommen wieder, sobald Sie weg sind!“ Ich ging also näher und wir kamen ins Gespräch. Während der kurzen Plauderei erfuhr ich, dass sich mein Gegenüber als der „älteste Mätteler“ bezeichnete und Vögel füttern sein Tagesinhalt war. Jeden Morgen um die selbe Zeit war er da und fütterte seine Krähen und Spatzen. Wenn er aus dem Altersheim trat, in dem er wohnte, wartete die Vogelschar bereits gegenüber auf dem Hausdach auf ihn. Und sobald sie ihn erblickten, riefen sie den Rest der Gruppe zusammen und warteten ungeduldig, bis er sich am Ufer installiert hatte und sein Säckchen hervornahm. „Schlau sind sie!“, sagte er, „sie wissen genau, um welche Zeit ich komme.“

 

Während wir miteinander schwatzten, wagten sich nur die mutigsten Vögel der Gruppe in unsere Nähe. Die meisten blieben in den Bäumen am anderen Ufer sitzen und warteten, andere segelten graziös über die Aare und drehten ihre Kreise. „Sie kennen Sie halt nicht“, sagte der Mann fast entschuldigend und befahl mir, sich hinter ihm zu verstecken. Doch so leicht liessen sich die Vögel nicht hinters Licht führen. Ich wollte ihn und die Vogelschar nicht länger beim Frühstück stören und verabschiedete mich. „Vielleicht bis nächsten Freitag!“, sagte ich und er antwortete: „Ich bin immer da, jeden Tag um die gleiche Zeit - das heisst mit grosser Wahrscheinlichkeit, man weiss ja nie.“ 

 

Beschwingt lief ich weiter, ein Lächeln auf den Lippen. Das Gespräch mit dem alten Mann und seiner Vogelschar hatte mich zufrieden gestimmt. Während ich rannte, kreisten meine Gedanken um die Frage nach dem Lebenssinn. Was würde wohl in einigen Jahrzehnten einmal mein Tagesinhalt sein? Würde mir frühmorgendliches Vögel füttern als Lebensinhalt reichen? War das nicht eher eine traurige Vorstellung? Doch der alte Mann hatte so zufrieden gewirkt, so in sich ruhend; vielleicht hatte er gefunden, wonach wir alle suchen: eine Aufgabe, die uns ausfüllt, für die wir am Morgen gerne aufstehen und uns auf den Tag freuen. 

 

Das Erlebnis am Aareufer rief mir in Erinnerung, mein Augenmerk wieder vermehrt auf die kleinen Momente des Glücks zu legen, die sich oftmals in Begegnungen und Begebenheit im Alltag verstecken. In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern ein friedliches und schönes Jahr 2020 mit vielen wunderbaren Begegnungen und kleinen und grossen Glücksmomenten!

 

 

Bis zur nächsten Runde!

 

 

Bern, neu entdeckt

Für uns hier aufgewachsenen, hierher gezogenen, geflüchteten oder hier gestrandetenBernerinnen und Berner ist sie unbestritten die schönste aller Hauptstädte überhaupt. Aber kennen wir sie wirklich so gut, wie wir denken? Die Kolumne “Bern neu entdeckt” bringt Kleines, Kurioses, Leises, Schönes und Verstecktes unserer Stadt ans Licht. 

Die Bernerin Karin Hofmann arbeitete13 Jahre lang für das IKRK in Kriegs-und Krisengebieten unter anderem im

Irak, Iran, in Afghanistan, Kongo-Kinshasa und Tschetschenien als Delegationsleiterin und Delegierte und

Koordinatorin für das Schutzprogramm für Gefangene.

Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Bern und arbeitet als Geschäftsleiterin beim Verein «WOhnenbern», der verschiedene

Wohnformen für Menschen anbietet, die von Obdachlosigkeit bedroht sind.

Ihre Erlebnisse im Krieg und Alltag hielt sie im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» fest. Im Buch gewährt die Autorin eindrückliche, sehr persönliche Einblicke in das Leben – und Innenleben – einer IKRK-Delegierten.

In jeder Hölle ein Stück Himmel. 13 Jahre in Kriegs- und Krisengebieten. Lokwort-Verlag, Bern 2018. 396 S.

 

 

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