• François Loeb

I ha di gärn

Da stehe ich doch am Loeb Egge und warte auf meinen Schatz. Also, nicht den vom Silbersee – über dieses Alter bin ich mit meinen zweiundzwanzig Jahrringen bereits hinaus. Es ist ein stürmischer Februarsonntagabend mit einer kalten Bise in der einzelne Schneeflocken segeln und Landeversuche auf meinem schwarzen, borstigen Haar unternehmen, um danach gleich vor Wonne, nein, vor Wärme zu schmelzen. Denn es ist mein erstes Rennen mit dem Modi meines Herzens das ich bereits seit einem halben Jahr anhimmle, mir aber erst kürzlich getraute es für einen Sonntagabendspaziergang (natürlich hoffte ich auf ein Rennen "plus", die Eingeweihten wissen was das zu bedeuten hat) einzuladen. Per SMS, unterstützt durch ein WhatsApp. Beim Warten auf eine Antwort wurde ich beinahe stifelsinnig, so wie ich es jetzt auch, meiner kalten Füsse und dem heissen Kopf wegen, werde. Bereits hat mein Schwarm sieben Minuten Verspätung. Nun, das ist kein Unglück, male mir aus, dass sie sich für mich besonders herausputzen will, so wie ich mich für sie, dafür aber genügend Zeit einplant hatte. Selbstverständlich Mannezyt und die läuft der gespannten inneren Aufzieh-Federn wegen schneller ab als bei Frauen.

Scheinbar geht es mir nicht alleine so. Neben mir steht ein Teenager, ich schätze ihn auf 16 Jahre. Also vor sechs Jahren waren die Sitten noch strenger, damals als ich so alt war, war Ausgang am Sonntagabend tabu. Er hält einen Margeritenstrauss in der linken Hand, wohl einen, den er seiner Auserwählten überreichen will, sofern sie zum Treffpunkt kommt und ihn nicht sitzen lässt. Irgendwie beneide ich den Knaben um sein Alter und den Strauss, denn ich stehe mit leeren Händen da. Was würde meine Angebetete sagen, wenn sie den galanten Knaben mit den Margeriten in der Hand und mich mit leeren Händen sieht? Hoffentlich, so bitte ich stumm den Biswind, sind die Beiden dann bereits verschwunden, das Weite der Rohre gefunden haben würden, damit die Peinlichkeit elegant umschifft wird. Meine Blicke sind also auf den Bueb gerichtet, da fiel mir auf, dass er einer Margerite nach der anderen die Blütenblätter einzeln ausreisst und Worte murmelnd auf den Boden fallen lässt. Ich überlege mir bereits, zu intervenieren, um wenigstens eine Blume für mein Rennen zu retten, doch da kommt von hinten ein sagenhaft hübsches Modi, stellt sich hinter den Margeritenmörder, der immer noch murmelt ‚i ha di gärn, i ha di nid gärn‘ und – rupft ihn am Grännihaar und schreit laut: “Ich bin von der PLF – lass der Blume ihre Blütenblätter!“, entreisst ihm den Strauss und rennt damit von dannen. Ob das wirklich sein Schatz war, bleibt im Weiss der am Boden liegenden Blätter verborgen.

Erst spät abends, nach meinem unvergesslichen Rennen (zwar ohne "Plus", das kann aber bestimmt noch eines Tags nachgeholt werden), gebe ich im Internet die Buchstaben PLF ein – und hell leuchten sie auf – in einer Osterglocke drapiert – die Worte: "PLANT LIBERATION FRONT" …

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