Bänz Friedli, Exilberner in Zürich, über das Verhältnis zu seiner Stadt. Genauer: zu seinen zwei Städten. Vom

27. November bis 1. Dezember präsentiert der Kabarettist im Casino «Jingle Bern – das Hauptstadt-Variété».

 

 

Ein Beizen-Säli in Tal SG, am äussersten Rand der Schweiz, eine Buchhandlung im Obwaldnischen, eine ehemalige Heubühne im Weinland, eine Turnhalle irgendwo im Kanton Schwyz – und das ganze Dorf ist gekommen, Grossmütter, Urenkel, Bauern, der Skiliftbügelgeber, die Tankwartin, der Dorfbeck und der Gemeinderat in corpore –, ein altehrwürdiges Theater in Schaffhausen,ein Schlosskeller im Baselbiet, ein Singsaal in Ausserrhoden, ein Kinogebäude im Fricktal, ein Kleintheater in Luzern … Das Schönste an meinem Job ist, wie ich im Land herumkomme. Der Kontakt mit den Menschen. Mit jeder Reise lerne ich die Schweiz mit ihren tausend Mentalitäten noch ein bisschen besser kennen, stets kehre ich bereichert und beglückt zurück, mit dem Spätzug heim nach Zürich.

 

«Du kannst auf Berndeutsch fiese Sachen sagen

und klingst immer noch ‹gmögig›.»

 

Ups, da ist es schon, das Reizwort: Zürich. Wenn Bärni, mein alter Berner Freund, mich dabei ertappt, dass ich «unsere Stadt» sage und Zürich meine, dann überbeisst er schon. Aber, Himmel, ich lebe doch schon ein halbes Leben in Zürich, meine Kinder sind hier gross geworden, natürlich ist es «meine Stadt». – «Du bist Berner!», schimpft Bärni. Und immerhin gestehht er mir das noch zu.

 

Vom «Exberner Bänz Friedli» schrieb dagegen «Der Bund» vor einigen Jahren. Du ziehst nach Zürich um, schon bist du exkommuniziert – «Exberner». Dabei wirst du das mit YB ja ein Leben lang nicht los, und die Kinder hast du auch geflissentlich bilingue erzogen: Sie switchen, wenn Grosstanten zu Besuch kommen, behände vom Züritüütsch ins Bärndütsch. Sonst gibt es wieder nichts zu Weihnachten. 

 

Aber, klar, Zürich ist meine Stadt. Hier spiele ich seit einundzwanzig Saisons mehr schlecht als recht, aber immer hinten rechts, Fussball in der Alternativliga, hier feierte mein neues Programm Premiere, am «Hechtplatz», und ich konnte mit dem Tram hinfahren. In Bern, erzähle ich gern, dauere «Was würde Elvis sagen?» siebzehn Minuten länger als anderswo. Das stimmt. Bernerinnen und Berner, das macht ja ihre sprichwörtliche Gemütlichkeit aus, brauchen zuweilen etwas mehr Zeit. Derweil sie im Basler «Tabourettli» oft schon lachen, bevor man den Witz überhaupt gemacht hat. 

 

Aber es gibt einen zweiten Grund, weshalb meine Vorstellungen in Bern länger dauern: Zu Bern fällt mir immer so vieles ein. Denn es ist ja eben doch auch meine Stadt. Noch immer kann ich die Mitglieder des Bernger Gemeinderats flüssiger aufzählen als die Zürcher Stadtregierung, noch interessiert mich eine Gemeindewahl in Bolligen BE mehr als diejenige in Unterengstringen ZH. In jedem Berner Tram treffe ich mindestens eine Person, die vor langer Zeit mal in eine Parallelklasse ging. Jedes Gässchen, jeder Schleichweg ist mir bekannt,  jeder Pflasterstein vertraut, an jeder Ecke lauern Erinnerungen. 

 

«Zürich – Bern dauert im Intercity bloss sechsundfünfzig

Minuten, Bern – Zürich bleibt eine Weltreise.»

 

Doch um der der zu werden, der ich bin, dafür war das Fortgehen gut. Als ich mich im fortgeschrittenen Alter entschloss, neu zu beginnen und Kabarettist zu werden, fragten Berner Bekannte irritiert: «Warum?» Zürcher Kollegen fanden: «Warum nicht?» In Bern wollten sie wissen, weshalb ich nun plötzlich etwas Neues anfinge, Zürcher Freundinnen mochten es sich einfach mal anschauen und sagten: «Warum nöd?»

Bern tendiert zum Bewahren, Bern hat sich selbst gern und mag es, wenn alles so bleibt, wie es immer schon war. In meiner neuen Stadt, finde ich, sind die Dinge mehr im Fluss. Aber der Berner Dialekt ist hilfreich für mein Tun, er wird von St. Gallen bis Freiburg gern gehört. Du kannst auf Berndeutsch fiese Sachen sagen und klingst immer noch «gmögig». Man mag uns Berner, das Land hat lange mit uns YB-Fans gelitten, nun mögen sie uns alle den Erfolg gönnen, sogar in Basel. 

 

Es hat ein bisschen länger gedauert, aber wenn das Berner Publikum dann einmal auf den Geschmack gekommen ist, dann ist es herzensgut und treu. Nirgends habe ich so viele ausverkaufte Häuser wie im Bernbiet, und nirgends gehen mir die Auftritte so ans Herz. Die «Mühle Hunziken»! Das «Bierhübeli»! In den Tempeln meiner Jugend auf den Brettern stehen zu dürfen, ist ergreifend.

 

«In jedem Berner Tram treffe ich eine Person, die vor

langer Zeit mal in eine Parallelklasse ging.»

 

Und nun sogar im hehren Casino! Als Gastgeber darf ich «Jingle Bern – das Hauptstadt-Variété 2019» präsentieren. Ein Novum für mich, durch einen Abend mit so vielen und so schillernden internationalen Künstlerinnen und Künstlern zu führen und dabei launig die Geschehnisse des Jahres Revue passieren zu lassen, vom Vaterschaftsurlaub bis zur grünen Wahl, vom doppelten Meistertitel von YB und dem SCB bis zu Schwingerkönig Stucki Christian, vom Verkauf eines «Manet» aus dem Gurlitt-Erbe bis zum ach so nachhaltigen Formel-E-Grandprix, an dem vor allem das Defizit nachhaltig ist.

 

Mir gefällt, dass im Casino Bern, ganz unbernisch, Neues gewagt wird. Es wird ein Heimspiel für mich. Aber niemand hat gesagt, dass Heimspiele einfacher sind. Ein Berner Göttibub von mir untersuchte in seiner Maturarbeit den Mythos «Heimvorteil» und errechnete, dass es ihn gar nicht gebe.

 

Besagter Göttibub ist einer der Verwandten, die in Bern geblieben sind und gerne zündeln, weil ich in Zürich lebe. Es ist halt so: Zürich – Bern dauert im Intercity bloss sechsundfünfzig Minuten, Bern – Zürich bleibt eine Weltreise. Aber ich beschwichtige meine Verwandten dann jeweils gern mit der Bemerkung, ich hätte nie behauptet, Zürich sei die schönste Stadt der Schweiz, «es isch eifach di einzigi».

 

Diesen kleinen Hieb werde ich im Casino wohl besser unterlassen. Und ich werde den Abend auch ganz bestimmt nicht mit den Worten eröffnen: «’Ch hammers grösser vorgstellt …» Versprochen!

Tickets und Informationen zu «Jingle Bern»
www.casinobern.ch/programm/jingle-bern

 

Alle Auftrittsdaten und Infos zu Bänz Friedli
www.baenzfriedli.ch

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