Der Tod zu Gast in Bern

"Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest"...

 

So poetisch schreibt das Rainer Maria Rilke in einem seiner Gedichte am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Leben und erst Recht den Tod verstehen wir auch heute nicht viel mehr als damals und tun uns mit der Akzeptanz und Integration häufig schwer. Genau das hat verschiedene Akteure und Organisationen der Stadt Bern dazu veranlasst, vergangenen Samstag den "Ersten Berner Tag zum Lebensende" zu veranstalten. Von der mexikanischen Gemeinde inspiriert, die am 2. November den traditionellen "Dia de muertos" feiert, konnten wir Berner*Innen lernen, wie bunt, genussvoll und lebensfroh die Auseinandersetzung mit dem Tod sein kann.

 

Stoffbanner in knallbunten Farben und Totenkopfvariationen aller Arten schmücken an diesem Tag den grossen Saal im Haus der Religionen am Europaplatz. Dahinter der bereits ein paar Tage zuvor von der mexikanischen Gemeinde detailreich gestaltete Altar, auf dem einheimische Herbstblumen in gelben, orangen und violetten Farbtönen leuchten. Kleine Skelett-Skulpturen in feinster Kleidung mit bunten Hüten, traditionelles Zuckergebäck, selbstgeschriebene Briefe an verstorbene Angehörige und sogar eine Flasche Tequila, alle paar Zentimeter lässt sich etwas Neues entdecken. 

 

" In unserer europäischen Kultur ist der Tod häufig ein Tabuthema und vor allem mit Schwere und Trauer verbunden" sagt Christian Walti, Leiter der Kirche im Haus der Religionen. In Kooperation mit der Stadt Bern und unter Mitwirkung der anderen Glaubensgemeinschaften des Hauses hat er diesen Abend koordiniert, um mit diesem Tabu freudvoll zu brechen. 

 

Was kommt nach dem Tod? 

 

Über Karma, Cumulus-Punkte für gute Taten und die eigene Sicht auf den Tod wurde am frühen Abend im Plenum diskutiert, das an Meinungen und Standpunkten der eingeladenen Redner*Innen nicht unterschiedlicher hätte sein können. 

 

Eine überzeugt Atheistin, alleinerziehende Mutter 3-er Kinder mit Vollzeit-Berufstätigkeit, die mit der diesseitigen Welt alle Hände voll zu tun hat, trifft auf eine junge Frau, die als kreatives Medium arbeitet und regelmässig Kontakt zur Welt der Verstorbenen aufnimmt. 

Eine Buddhistin und Kungfu-Lehrerin, die ihren Mann bei einem Verkehrsunfall verloren hat und seitdem das Jenseits ganz anders wahrnimmt, trifft auf die Anschauung einer weltoffenen Christin, die als Kind schon Briefe an Gott geschrieben hat und sich trotzdem sicher ist, dass alle Verantwortung in unseren eigenen Händen liegt. 

Zwischen all diesen Meinungen und Perspektiven liegen Welten: Scheinbar. Doch gibt es immer wieder die vielen gemeinsamen Nenner, ganz egal aus welcher Richtung wir als Menschen auf das Thema Leben und Tod blicken. Es kommt der Punkt, an dem ein Teil unserer Erklärungen dem Unerklärbaren weichen muss und wir uns vor einem grossen Rätsel wiederfinden, dem wir am besten mit Vertrauen und einer Prise Humor begegnen.

 

 

"Warum nicht feiern was sowieso Teil des Lebens ist ?"

 

Bevor es am Abend in die nächste nachdenkliche Runde geht, mischt sich zuvor lautes und sprachlich buntes Stimmengewirr mit mexikanischen Klängen. Kinder mit skurril humorvoll geschminkten Gesichtern, mal schwarz-weiss und mal in Farbe turnen durch das Haus der Religionen. Die Mexikanerin Paloma Graf präsentiert einen prähistorischen Folkloretanz in üppiger Kostümierung. Begleitet wird sie von einem archaischen Klangteppich aus Tierlauten, schrillem Pfeifen und Trommelrhythmen, die symbolisch die Türen zur Welt der Ahnen*Innen öffnen.

 

Konkret und ganz lebendig - die Rolle der Stadt Bern 

 

Keine alte verstaubte, sondern eine ganz anfassbar lebendige  "Living Library" hat das "Mal anders Kollektiv" an diesem Abend organisiert. Die Gäste konnten ganz verschiedene Expertengruppen dazu befragen, wie wir Berner*Innen hier und anderswo "besser, einfühlsamer und liebevoller mit dem Tod leben" können. Teil der "Living Library" war u.a. Evelyn Hunziker als Vertreterin der Stadt Bern aus dem Team des Kompetenzzentrums Alter, wo sich Expert*Innen explizit mit neuen Möglichkeiten der Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Thema auseinandersetzen.

 

Der Begriff der "caring community", der "sorgenden Gemeinschaft" spielt für Bern im Umgang mit dem Thema Alter und Tod schon lange eine wichtige Rolle. Die Zielsetzungen für die kommenden Tätigkeiten werden 2020 im Rahmen des "Alterskonzept 2030" durch den Gemeinderat verabschiedet. Konkret geht es u.a. darum, Menschen in Generationenhäusern und in den  Quartieren mehr miteinander zu vernetzen, Vereinsamung entgegenzuwirken und Vertrauen untereinander zu stärken. Genau aus diesem Grund strebt Bern inzwischen auch an, Teil der Bewegung "compassionate city" zu werden und steht international in regelmässigem Austausch mit anderen Städten, die sich für mehr Solidarität und freiwillige Hilfeleistung in der Bevölkerung stark machen. Als eines der Ziele für die kommenden Jahre nennt Evelyn Hunziker deshalb ganz klar den weiteren Auf- und Ausbau einer digitalen Vernetzungs- und Informationsplattform, mit Adressen für Betroffene, Angehörige und freiwillige Helfer*Innen.

 

" Eine 'compassionate city' ist eine Gemeinschaft die versteht, dass die Fürsorge füreinander in Zeiten von Krisen und Verlust nicht einfach eine Aufgabe der gesundheitlichen und sozialen Dienstleistungen ist, sondern die Verantwortung von jedem Einzelnen ". (Allan Kellehear)

 

Am Ende dieses bunten Abends bleibt nach den vielen Gesprächen und Eindrücken bei mir das schöne Gefühl zurück, dass der Tod auch bei uns den Platz vom traurigen Tabu zurück in die Mitte der Gesellschaft findet. Mit jeder Religion, Kultur und Tradition kommt dabei eine weitere Facette hinzu. Es ist ein bisschen wie in ein grosses farbiges Mosaik, in dem wir die Erkenntnisse unserer verschiedenen Lebenswelten zusammenfügen. 

 

Das Leben und den Tod zu verstehen stellt uns wohl immer wieder vor neue Rätsel. Aber ist das nicht bei jedem guten Kunstwerk so ?  

Please reload

Verwandte Beiträge

Please reload