Bye Bye, Zwöi-Finger-Fräne

21/10/2019

 

Getroffen habe ich ihn nur einmal, im Herbst 1998. Da war er 55, stachelbärtig, mit Jeanshemd und Truckermütze, ein echter Easy Rider. Francis «Fräne» Lüdi war aus seinem Wohnort in Zürich ins Berner Bierhübeli gekommen, um an einem frühen «Weisch no?» Festival zu spielen. Angefragt hatte ihn Polo Hofer, der in den Sixties oft mit Fräne gespielt hatte. Profimässig bei der Band Polo’s Pop Tales, die als lebendige Jukebox durch die Dancings tingelte, die Hits der Stunde aber durchaus mit einem eigenen, «progressiven» Ansatz spielte. Fräne war schwer zu überzeugen, nochmals zur Gitarre zu greifen, doch schliesslich sagte er zu. Vor Ort herrschte kurz vor der Pop-Tales-Reunion Nervosität: Lüdi fand seine Gitarre nicht mehr, es mussten Suchtrupps ausgesendet werden. Schliesslich wurde einer fündig und es konnte doch noch losgehen. Klar, das war nicht mehr die gut geölte Profimaschine von einst, eher ein holpernder Oldtimer. Doch Lüdis Talent war unüberhörbar: Sein Spiel war am Jazz und dem grossen Les Paul geschult, auch seinen Chuck Berry hatte Lüdi perfekt drauf. Ein echter Höhepunkt war Lüdis Version von Hank Marvins (The Shadows) Instrumental «Nivram», die swingte wie der Teufel, angefeuert von Polo Hofers Bäselischlagzeug. Der Titel ist übrigens auf einer – allerdings schwer aufzutreibenden – Live CD vom «Weisch No?» 1998 zu finden.

 

Lüdi war der erste tonanagebende Stromgitarrist in Bern. Er wuchs als Schusterssohn in der Länggasse auf, fiel aber früh mit seiner Gitarre und der «Schnuregyge» auf. Er spielte mit dem Berner Elvis Wale Stettler in einer Band namens «Teufelsgitarren». Richtig los ging es aber erst mit den Berner Beat Pionieren The Black Caps, deren musikalisches Niveau durch Lüdis flinkes Spiel hörbar aufgebessert wurde.  Die Black Caps traten in schmuddligen Smokings und blauen Hemden auf, die strähnigen Mähnen unter den namengebenden Lokführermützen verborgen. In der Presse erhielt Lüdi das Prädikat des «besten Sologitarristen dies- und jenseits der Gürbe», doch so richtig abzuheben schienen die in Künstlerkreisen beliebten Black Caps (Werbeslogan: «Im Fieber der Rolling Stones») vor allem beim Alkoholkonsum. An einem Zürcher Gastspiel soll das Quintett 160 Bierflaschen geleert haben – Lüdi dürfte auch hier der Bandleader gewesen sein. Eine Profikarriere in Italien versandete und so schloss sich Lüdi 1968 den Pop Tales von Polo Hofer an.

 

 Fast immer spielte er im Tandem mit dem Rhythmusgitarristen René «Rönu» Balsiger. Die beiden konnten nicht ohne, aber manchmal auch nicht mit einander. Legendär ist die Episode, als Balsiger Lüdi nach einem Streit heimlich ein Valium ins grosse Bier mischte. Eine Stunde später bei «Dock Of The Bay» kamen Lüdis Gitarreneinsätze untypischerweise zuerst Takte zu spät – dann verstummten sie ganz. «Fräne spielte wie Django Reinhardt, mit zwei Fingern», erinnerte sich später Polo Hofer. «Aber er hatte wahnsinnige Finger. Darum nannten sie ihn auch Zwöi-Finger-Fräne». Nach dem Ende der Pop Tales stieg Lüdi noch beim Jodelkönig Peter Hinnen («7000 Rinder») ein. Dann wurde es stiller um ihn. Er zog nach Zürich, arbeitete als Chauffeur. Für «Weisch no?»-Aktionen war er nach der Pop Tales Reunion nicht mehr zu haben. Wie sein ehemaliger Pop-Tales-Kollege Johnny Werren berichtet, ist Fräne Lüdi vor einigen Monaten in einem Heim für Sehbehinderte in Zürich still und einsam gestorben. Dass niemand vom Tod dieses Berner Gitarrenpioniers Kenntnis hatte, zeigt auch, wie «randständig» der Rock’n’Roll in seinen Gründerjahren noch war. Doch einfach ohne Nachruf dürfen und wollen wir ihn nicht ziehen lassen. Bye Bye Fräne, spiel Dein «Nivram» für die Engel, damit die da oben auch wieder mal zum Tanzen kommen.

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