Kein Saisonende im Marzili

Nun ist es leer, das Marzili. Kein einziger Mensch ist mehr da. Mutterseelen-alleine sitze ich auf meiner wöchentlichen Joggingtour auf einer hölzernen Pritsche nahe der Aare. Die Läden des Restaurants sind heruntergelassen, die Tische, Stühle und Sonnenschirme weg geräumt. Die Schwimmbecken sind geleert und rund um den Schwimmkanal herum stehen nun Sicherheitsgitter. Die Bäume schaukeln im Wind sanft hin und her. Nach all den warmen Tagen der letzten Monate voller Gewusel mit entspannten Badenden, glücklichen Aareschwimmenden und kreischenden und lachenden Kindern ist es still geworden im Marzili. 

 

Was heisst schon Saisonende

 

In den Sommermonaten geniesse ich das Marzili am meisten. Doch eigentlich hat meine ganz eigene Marzilisaison keinen Anfang und schon gar kein Ende. Im Gegenteil: im lauten und lebhaften Sommerbetrieb vergesse ich manchmal fast, welche beruhigende und spirituelle Kraft diese Oase mitten in der Stadt in ruhigeren Zeiten ausstrahlt. Denn jede Jahreszeit im Marzili hat ihren ganz besonderen Reiz: bis im Oktober kosten die Kinder die letzten Sonnenstrahlen im Sandkasten und auf dem Spielplatz aus oder flitzen mit ihren Velos und Trottinetts auf den Gehwegen und um das leere Babybecken herum, während ich auf der Wiese liege und ein Buch lese. Bald steigen auch die Drachen erneut, bis der Wind meistens irgendwann im November so kalt durch das Marzili weht, dass auch der warme Tee oder Kaffee nicht mehr zum Erwärmen hilft, welcher der nette Mann aus seinem Weidekörbchen in der Vor- und Nachsaison auf seinen Runden anbietet. Im Winter kommen die wohl ruhigsten Monate auf das Marzili zu: fest eingemummelt bummle ich durch das winterliche Marzili und sehne in der eisigen Kälte den nächsten Sommer herbei. Irgendwann im April ist es dann soweit: ich wage mich, die Jacke auszuziehen und im T-Shirt auf der Rasenfläche die ersten Sonnenstrahlen zu geniessen. Dann geht es nicht mehr lange und ich fiebere dem ersten Aareschwumm entgegen. Wann ist es dieses Jahr soweit? Im Mai? Im Juni? Das erste Bad in der Aare ist immer speziell und der Sprung hinein braucht mich auch als geübte Aareschwimmerin nach Jahrzehnten noch eine gewisse Portion Mut. 

 

Mehr als ein Bad

 

Wie für mich ist das Marzilibad vermutlich seit Jahrhunderten für viele Menschen mehr als nur ein Bad; es ist ein Teil meiner Identität und ein Zufluchtsort aus dem geschäftigen Stadtleben. Das erste Marzilibad wurde 1782 eröffnet, 1957 kamen die Grünflächen hinzu und 1968 wurde das Bad um ein 50-Meter-Becken ergänzt. 2022/23 soll das Marzili eine Totalsanierung über sich ergehen lassen, der ich mit einem gewissen Unbehagen entgegensehe. Ich liebe es wie es ist, dieses alte Marzili. Jedes Jahr freue ich mich wie ein Kind fast genau so fest wie auf das erste Aarebad darauf, das Spülwasser der antiken Toiletten aufzudrehen und laut rauschen zu lassen...

 

Obwohl ich mir bewusst bin, dass nach 50 Jahren eine Gesamtsanierung des Bades stattfinden muss, fürchte ich mich ein wenig davor, das jetzige Marzili zu verlieren. Change resistance, halt. Aber ich will optimistisch bleiben und hoffe, dass das Marzili auch in neuem Gewand seine Seele behalten wird, wie es dies in mehr als 200 Jahren getan hat. 

 

Bis zur nächsten Runde im herbstlichen Marzili!

 

 

Bern, neu entdeckt

Für uns hier aufgewachsenen, hierher gezogenen, geflüchteten oder hier gestrandetenBernerinnen und Berner ist sie unbestritten die schönste aller Hauptstädte überhaupt. Aber kennen wir sie wirklich so gut, wie wir denken? Die Kolumne “Bern neu entdeckt” bringt Kleines, Kurioses, Leises, Schönes und Verstecktes unserer Stadt ans Licht. 

 

Die Bernerin Karin Hofmann arbeitete13 Jahre lang für das IKRK in Kriegs-und Krisengebieten unter anderem im

Irak, Iran, in Afghanistan, Kongo-Kinshasa und Tschetschenien als Delegationsleiterin und Delegierte und

Koordinatorin für das Schutzprogramm für Gefangene. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Bern und arbeitet als Geschäftsleiterin beim Verein «WOhnenbern», der verschiedene Wohnformen für Menschen anbietet, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Ihre Erlebnisse im Krieg und Alltag hielt sie im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» fest. Im Buch gewährt die Autorin eindrückliche, sehr persönliche Einblicke in das Leben – und Innenleben – einer IKRK-Delegierten.

In jeder Hölle ein Stück Himmel. 13 Jahre in Kriegs- und Krisengebieten. Lokwort-Verlag, Bern 2018. 396 S.

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