Starke Frauen im Fokus

Im Juli 1871 bestieg die junge Britin Lucy Walker (1836-1916) als erste Frau den Gipfel des Matterhorns – in langem Flanellrock, wie es sich für eine viktorianische Dame gehört. Um die Geschichte* der Bergssteigerin rankt sich das Geschehen der Inszenierung der Berner Regisseurin Livia Ann Richard auf dem Riffelberg in Zermatt. Die höchsten Freilichtspiele Europas auf 2600 Metern über Meer gehen 2019 mit «Matterhorn: No ladies please!» in die dritte Runde.

 

Die Szenerie für die zahlreichen Premierengäste auf dem Riffelberg war an Dramatik nicht zu überbieten. Die Wolken türmten sich dunkel und furchterregend in die Höhe, just an diesem Abend verhüllte das Matterhorn seinen Gipfel. Es wehte ein beissend kalter Wind, dem die Habitués unter den Gästen mit allem begegneten was die - bereits eingemottete – winterliche Garderobe hergab. Wer nur in Chucks und Jeansjäggli ankam, bediente sich dankbar mit den angebotenen Militärwolldecken.

 

Das Stück heisst "No Ladies please" – aber es war eindeutig ein Abend der starken Frauen: Angefangen von den Reden von Livia Ann Richard und der Zermatter Gemeindepräsidentin (sinnigerweise auch eine Frau), Romy Biner-Hauser, bis zu den parallel laufenden Geschichten der Handlung. Zwar drehte sich der Hauptstrang um die – von Corinne Thalmann bravurös gespielte – Lucy Walker, die entgegen der Widerstände seitens der Eltern und der konservativen Zermatter Bergführer, als erste Frau das Matterhorn bestieg. Wichtige Rollen aber nahmen auch die bedauernswerte Lina (Tina Müller), die sich am Schluss des Stücks vom strengen Regime ihrer Eltern befreite, aber vor allem auch der Alphornspieler ein, der sich, für die damalige Zeit schockierenderweise, als alleinerziehende Mutter mit Kind entpuppte. Eliana Bürki, die diese Rolle innehatte, wurde meiner Meinung nach zu wenig estimiert, ihr Spiel war schlicht grandios und fügte sich auf perfekte Weise in Kulisse und Stück. A Propos Kulisse: Fredi Stettler gelang es einmal mehr, der Natur ihren Raum zu lassen und den Schauspielern mit einer schlichten, aber effektvollen Bühne eine tolle Plattform zu bieten.

 

Die Natur forderte denn im Laufe des Stück auch immer wieder Aufmerksamkeit: Während der ganzen Dauer tummelte sich ganz in der Nähe ein Rudel Murmeli. Mal aufrecht zuschauend, mal sich pfeifend hinterherrennend. 

 

Bei den Darstellern agierten übrigens, nebst Profi- und Laiendarsteller*innen (aus der Region und aus Bern), auch viele Zermatterinnen und Zermatter. Der kleine Fan vor uns auf der Tribüne lüpfte jedes Mal ihr selbstgemaltes Plakätchen, wenn die grosse Schwester die Bühne betrat.

 

Für mich ist "No Ladies please" die bisher beste Inszenierung in Zermatt. Ohne die etwas pathetische Dramatik der letzten, ist die Handlung diesmal packend, dank der italienischen guten Seele äusserst unterhaltsam, aber auch berührend und hochemotional. So ver- oder unterdrückte denn am Ende auch der eine oder andere Premierengast ein Tränchen. Die Standing Ovation war mehr als verdient: Bravissimo Livia, Ensemble und Eliana Burki!

 

*Mehr zur Geschichte der Lucy Walker hier

 

 

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