Tsch Tsch - oder warum Männer so gerne grillen

Im Eichholz bräuchte man zur Zeit ein Nebelhorn, denn vor lauter Grillrauch sieht man kaum mehr die Hand vor den Augen. Und egal wo, an der Aare, in den Parks und in den Quartieren, überall qualmt und brutzelt es, was das Zeug hält. Menschenmassen sitzen auf Decken oder Plastikstühlen, vor sich eine Feuerstelle oder einen Grill. Keine Freizeitbeschäftigung erfährt im Sommer einen breiteren Hype als das Grillen. Dabei leben wir nicht mehr in der Steinzeit. Wir müssen unser Essen nicht mehr zwingend über das offene Feuer hängen, um es zuzubereiten. Unsere Küchen sind voll mit hochtechnologischen Geräten. Warum entscheiden wir uns also nach wie vor dafür, all das links liegen zu lassen und unser Essen auf dem offenen Feuer zuzubereiten? Warum kauern wir uns freiwillig auf den Boden oder postieren und – mit einem Bier in der Hand – neben dem heissen Grill, lassen die Kohle-Fettaromen eine organische Verbindung mit unseren Haaren eingehen, die Ameisen an unserem Mahl teilnehmen und uns dabei von Horden von Mücken stechen?

 

Mir selber bleibt beim Grillen manches rätselhaft, etwa die Sache mit dem Timing: «Chumm mir schiesse schnäu öppis ufe Grill». Ach ja? Wenn ich bloss an die Zeremonie denke, die manche Männer daraus machen, das Feuer zu entzünden bis zur perfekten Glut ("lue jtz mau das Glüetli!»). Ganz zu schweigen davon, dass ich beim Verzehr von Grillgut selten den Idealzustand erlebt habe, sondern eher von «halbroh» bis (meistens) «eh, chasch ja ds Schwarze abchratze».

 

Aber es ist ganz einfach: Die Männer müssen grillen. Etwas zwingt sie dazu, sie können nicht anders. Es ist ein Trieb. Siegmund Freud hat die menschliche Seele ja als Haus beschrieben. Der männlicher Grill-Trieb sitzt im Keller, dort, wo es dunkel, lüstern, haarig und wild ist. Gleich neben dem Sexualtrieb und dem Hang zum Heimwerken.  Sobald es draussen wärmer wird, erwacht sie, die feurige Lust. Die Begeisterung für das Grillen gründet sich laut Wissenschaftlern auf die positiven Erfahrungen, die unsere Vorfahren bereits damit gemacht haben. Diese Intuition ist Teil des männlichen Erbguts. 

 

80 Prozent der Männer lassen sich denn die Grillzange nur ungern aus der Hand nehmen, 13 Prozent tolerieren überhaupt niemanden neben sich am Grill. Männer klammern sich offenbar an ihre Grillzange, weil Frauen in so vielen anderen Lebensbereichen bereits das Zepter an sich gerissen haben. So argumentieren Kulturwissen-schaftler. Im Zuge der Emanzipation der Frau hat er evolutionäre Rechte eingebüsst. Beim Grillen hat der Mann ein Refugium. Der Grill also als letzte Insel der Männlichkeit: Wo er das Zepter schwingt und sein Schwert zieht, um die Sippe zu verteidigen. Am Grill kann der Mann Nahrungsbeschaffer, Feuerwehrmann und Ernährer in einem sein. Dort kann er sein, wie er tief in seinem Inneren gerne wäre. Eh, auso haut: Tsch, Tsch!

 

 

PS.: Mit der Kampagne „Tsch Tsch“ gewann übrigens die Berner Werbeagentur Contexta einen Effie 2018 für für erfolgreiche Marketingkommunikation. 55% der KonsumentInnen erinnern sich an diese Werbung.

 

 

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