Die Glücklichmachende

25/06/2019

Rundherum um diese leise, verschlafene Schönheit einer Stadt, „die Schönste, die wir je gesehen haben“, wie Goethe vor 240 Jahren schrieb, fliesst geschwind und gleichmässig – Arura, die Aare. 

 

Schützend wie ein wollener Schal an kalten Wintertagen legt sie sich um die Schultern der Stadt. Jeden Tag hat sie eine andere Farbe. Mal ist sie türkisfarben, fast weiss, überschäumend vom Gletscherwasser der Berge, so dass es einem bereits beim Hinsehen fröstelt. Dann wieder glitzert sie wie ein Smaragd, so grün und frisch, dass man Lust verspürt, sich Kopf voran hinein zu stürzen. 

 

Doch wenn es regnet, gleicht sie dem braunen Schmutzwasser, das nach einem heftigen Gewitter durch die Strassen rinnt. Die Aare – dieser wundersame Fluss in dieser Schönheit von Stadt. Ich liebe sie. Hier will ich sein, hier will ich immer bleiben.

 

Trotz meiner Liebe zur Aare und zu Bern habe ich mehr als zehn Jahre meines Lebens im Ausland verbracht. In Ländern, in die es niemanden hinzieht und in Städten und Dörfern, die ich lieber nie gesehen hätte. Wenn es fast nicht mehr zum Aushalten war, schloss ich die Augen und stellte mir vor, wie ich mich auf dem Rücken die Aare hinunter treiben liess, die Arme seitlich ausgestreckt. Meine Augen geöffnet, den vorbeiziehenden Wolken nachsehend, dabei diesen ganz einzigartigen, erdig schlammigen Geruch der Aare einatmend, das prickelnde Gefühl des kalten Wassers am Körper und das Ächzen der aneinander reibenden Steine im Ohr. 

 

Jedes Jahr kam ich mindestens einmal nach Hause, und auch wenn es erst Frühling war, stürzte ich mich doch in den Fluss. Bei jedem Bad nahm ich einen Schluck, denn ich wollte die Aare nicht nur äusserlich sondern auch innerlich spüren, ich wollte sie aufsaugen und mit all meinen Sinnen erleben. Jedes Bad war heilsam, so als spülte das Aarewasser alles Elend und Leid, das in den Monaten zuvor an mir hängengeblieben war, einfach weg.

 

In der seit Millionen von Jahren fliessenden Aare werde ich auch heute noch jedes Mal ganz leise und demütig. Achtsamkeit lehrt mich der Fluss und erinnert mich immer wieder daran, mich auf die magischen Momente im Alltag zu konzentrieren. Es geht nicht um das grosse Ganze. Es sind die kleinen Schritte, die uns vorwärtsbringen und die Welt verändern. 

 

In der Aare sind wir einander alle ein bisschen näher, sind wir ein kleines bisschen mehr die Helden der Menschlichkeit und Toleranz, wir ganz normalen, hier aufgewachsenen, vorbeireisenden, hierher gezogenen und geflüchteten oder hier gestrandeten Bernerinnen und Berner. Im Aarewasser lächeln wir uns an, sagen etwas Aufmunterndes und Fröhliches zueinander, blicken ringsum in lachende Gesichter und sind glücklich. 

 

Vielleicht fängt alles doch hier an. Hier, in diesem Wasser, in diesem Fluss. Vielleicht, wenn wir uns immer wieder darauf besinnen, können wir ein kleines Stück dieses Aareglücks und dieser Menschlichkeit und Toleranz in die grosse weite Welt hinaustragen. 

 

Vielleicht geht es doch um das grosse Ganze.

 

Essay von Karin Hofmann, erschienen im BÄRN! Magazin 2/2019, auf vielseitigen Wunsch auch noch online.

 

 

Die Bernerin Karin Hofmann arbeitete13 Jahre lang für das IKRK in Kriegs-und Krisengebieten unter anderem im Irak, Iran, in Afghanistan, Kongo-Kinshasa und Tschetschenien als Delegationsleiterin und Delegierte und Koordinatorin für das Schutzprogramm für Gefangene. Heute lebt sie mit ihrer Tochter in Bern und arbeitet als Geschäftsleiterin beim Verein «WOhnenbern», der verschiedene Wohnformen für Menschen anbietet, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Ihre Erlebnisse im Krieg und Alltag hielt sie im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» fest. Im Buch gewährt die Autorin eindrückliche, sehr persönliche Einblicke in das Leben – und Innenleben – einer IKRK-Delegierten. 

In jeder Hölle ein Stück Himmel. 13 Jahre in Kriegs- und Krisengebieten. Lokwort-Verlag, Bern 2018. 396 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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