Betreuungsgutsprachen - «Es gibt Lücken im System»

Die Stadt Bern unterstützt in einem Pilotprojekt Seniorinnen und Senioren in bescheidenen finanziellen Verhältnissen mit Betreuungsgutsprachen. Warum? Und: Wie funktioniert diese Unterstützung? Nachgefragt bei Nicole Stutzmann, Leiterin Kompetenzzentrum Alter.

 

Frau Stutzmann, Sie unterstützen Rentnerinnen und Rentner mit zusätzlichen Betreuungsgutsprachen? Warum ist das nötig?

Nicht jeder Mensch wird pflegebedürftig, aber fast alle Menschen brauchen früher oder später Unterstützung in der Bewältigung ihres Alltags. Hier gibt es Lücken im Finanzierungssystem. Wer sich Unterstützung nicht leisten kann, nicht auf Familie oder ein anderes soziales Netzwerk zurückgreifen kann, ist betroffen von sozialer Isolation und eingeschränkter Lebensqualität.

 

Von welchen Unterstützungsangeboten sprechen wir?

Je nach Bedarf, der sorgfältig abgeklärt wird, können wir Notrufsysteme, Mittagstische, Mahlzeitendienste, Besuchsdienste, soziale Aktivitäten und verschiedenste Hilfen im Alltag für Haushalt, Einkauf, Kochen, Waschen oder Administration mitfinanzieren. Wir bezahlen ebenfalls kleinere Anpassungen in Wohnungen, um diese hindernisfreier auszugestalten. Darunter fallen zum Beispiel Handläufe oder Rampen. Auch der Zuschuss an eine betreute Wohnform, angegliedert an ein Pflegeheim, ist im Einzelfall möglich.

 

Wer hat Anspruch auf Betreuungsgutsprachen?

Anspruch haben alle Rentnerinnen und Rentner, die in der Stadt Bern wohnen und eine bestimmte Einkommens- und Vermögensgrenze nicht überschreiten. Wir haben das Angebot bewusst nicht nur auf Beziehende von Ergänzungsleistungen beschränkt, da diese oftmals bessergestellt sind als Personen, die knapp nicht Ergänzungsleistungen erhalten.

 

Von wie vielen Seniorinnen und Senioren, die das Angebot nutzen, gehen Sie aus?

Wir gehen davon aus, dass im Grundsatz rund 4000 Personen die finanzielle Anspruchsberechtigung erfüllen. Schätzungsweise 20 Prozent davon brauchen Betreuung, sind aber zu einem grossen Teil bereits in Pflegesettings eingebettet und gehören deshalb nicht zur Zielgruppe. Wie viele sich tatsächlich anmelden, hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut wir die Zielgruppe erreichen. Wir hoffen, es sind möglichst viele.

 

Das Thema ist keineswegs nur bernspezifisch. Warum engagiert sich die Stadt Bern an vorderster Front?

Oberstes Ziel der städtischen Alterspolitik ist es, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, zu einem würdevollen und selbstbestimmten Altern ihrer Bevölkerung beizutragen. Die Finanzierungslücke war uns schon lange ein Dorn im Auge. Unser Pilotprojekt soll wichtige Erkenntnisse liefern und zu einer breiten Diskussion und guten Lösungsfindung beitragen. Wir wünschen uns letztlich eine kantonale Regelung und bundesrechtliche Rahmenbedingungen.

 

Die Unterstützung geschieht im Rahmen eines dreijährigen Pilotprojekts.

Wer ist daran beteiligt?

Die Pro Senectute Kanton Bern hat das Abklärungsinstrument entwickelt und übernimmt im Mandatsverhältnis die Bedarfsabklärungen. Auch die Berner Fachhochschule ist einbezogen. Sie hat den Auftrag, das Projekt zu evaluieren. Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern hat einen kleinen finanziellen Beitrag gesprochen und wird das Projekt begleiten.

 

 «Unser Pilotprojekt soll wichtige Erkenntnisse liefern»: Nicole Stutzmann.

 

 

Mehr: www.bern.ch/betreuungsgutsprachen

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