• Prof. Dr. med.vet. Bernd Schildger

Dählhölzli Klangwelt


Meine Güte, was soll denn das? Eine, im ersten Moment verständliche Reaktion auf die Idee des Tierparks Bern, neu im Dählhölzli eine Sommerkonzert-Reihe einzuführen. Tiere und Musik – das passt ja wohl gar nicht zusammen! Nun, bei näherer Betrachtung sollte eigentlich klar werden, dass Wildtiere und Reggae- oder Volksmusik, oder Musik aus einer anderen Welt sehr wohl zu einander passen. Weshalb? Die Schlaufe der Erklärung auf die ich Sie entführen werde, ist etwas länger.

Nach Peter Bieri ist das Bewusstsein des Menschen sehr wohl auch Erlebnis. Was wir mit unseren eigenen Sinne und Gefühlen wahrnehmen, hat alle Chancen Teil unseres Bewusstseins zu werden. Dies ist auch der Grund, weshalb Filmkonserven, tagelange Beobachtungen mit der Kamera, zusammenkondensiert auf konsumierbare drei Minuten Sequenzen kein echtes Erlebnis sein können. Zu unseren Sinnen gehören eben nicht nur die Wahrnehmungen mit den Augen, sondern was wir riechen, was wir hören, was wir selbst beobachten, angespannt versuchen zu erblicken, vielleicht finden und dann aufnehmen und verfolgen. Diese eigenen, persönlichen Erlebnisse haben alle Chancen Teile unseres eigenen Bewusstseins zu werden. Eben nicht des rationalen Bewusstseins, mit denen wir rechnen, abstrahieren, analogisieren, Geschichte speichern oder Infinitesimalrchnun-gen lösen können. Persönliche Erlebnisse werden Teile des emotionalen Bewusstseins und sind damit permanent präsent – sie werden „Bauchgefühl“. Wir müssen uns nicht an sie erinnern, sie sind stets präsent.

Genau dieses Erlebnismodell ist auch der Grund weshalb eine Oper im Fernseher oder online konsumiert, Nichts ist im Vergleich zum Beiwohnen einer echten Vorstellung. Es ist gleichfalls die Begrün-dung weshalb auch ein noch so toller Tierfilm das Wildtiererlebnis im Zoo oder Tierpark nie ersetzen kann. Die legitime Analogie zur Musik muss ich hier nicht auch noch erläutern. Die Erlebnisse mit wilden Tieren im Tierpark mit Musikvorstellungen zu kombinieren ist also eigentlich naheliegend. Kinder im Tierpark wollen nach spätestens zwei Stunden auf den Spielplatz beim Septipus und die Erwachsenen freuen sich am italienischen Espresso im Eulenbistro. Weshalb also nicht auch die Ohren befriedigen?

Zoos sind für Menschen da. Das gilt auch für den Tierpark Bern. Allerdings gibt es eine Einschränkung, und hier stellen wir uns gerne der Prüfung. Wildtiere im Zoo zu erleben ist daran gebunden, dass diese sich weitgehend so verhalten wie im Freiland. Um dieses Verhaltensrepertoire ausleben zu können, muss die Haltung der jeweiligen Art tiergerecht sein. Tiergerecht bedeutet nicht nur hinreichend Futter, Auslauf, Möglichkeiten sich zurück zu ziehen, ggf. schwimmen, klettern und graben zu können, sondern auch frei sein von Belastungen, die das Anpas-sungsvermögen der Tiere überfordern. Und hier sind wir beim Kern der Geschichte angelangt.

Wir alle beobachten unsere Tiere bei sämtlichen Veranstaltungen im Dählhölzli genau. Sei es ein Kindergeburtstag, eine Abend-veranstaltung oder eine Jazz-Matinée. Und wenn uns die Bela-stung zu hoch erscheint, brechen wir ab. Gerade die letztgenannte Jazzmatinée findet seit nunmehr 43 Jahren! Im Dähl-hölzli statt. Ohne jeden Tierverlust. Nicht ohne Belastung, die ist aber erwünscht im Zooleben eines Wildtieres denn ohne Bela-stung ist das Leben auch für die Tiere eintönig und eben nicht tiergerecht. Dass unsere Totenkopfäffchen am Morgen nach einer Abendveranstaltung müde auf den Baumästen liegen ist ein Symbol, dass förmlich nach Vermenschlichung schreit. Für die vielen Erlebnisse am Abend, gemeint sind die Affen, die sich an den Menschen abends ergötzen, müssen sie mit einem höheren Schlafbedürfnis am nächsten Tag „bezahlen“. Am wenigsten tiergerecht war übrigens für dieselben Affen die Zeit des Vivarium-Umbaus: Drei volle Monate ohne belastende Gäste – totlangweilig!

Die Sommerkonzerte im Dählhölzli verbinden menschliche Kultur und tierische Natur zu einem sinnlichen Ganzen und ermöglichen so unvergessliche Erlebnisse. Also, machen Sie sich selbst ein Bild und geniessen Sie das zusätzliche Erlebnis einer Live-Musik Veranstaltung im Dählhölzli.

Programm und Infos: www.tierpark.bern.ch

Dieser Beitrag stammt aus dem BÄRN! Magazin 2 /2018

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