Theater Gurten – Interview mit Livia Anne Richard

Bild von der gelungenen Premiere vom 20. Juni.

 

Seit 2002 inszeniert Livia Anne Richard erfolgreich Freilichttheater auf Berns Hausberg. Nationale Bekanntheit erlangte sie mit ihren Uraufführungen Dällebach Kari (2006/2007), Einstein (2010) und Paradies (2014). 2010 gründete sie mit Markus Maria Enggist, Annemarie Morgenegg, Fredi Stettler und Hank Shizzoe das Theater Matte. Seit 2015 schreibt und inszeniert sie zudem Stücke für den Riffelberg, oberhalb Zermatt. Mit «The Matterhorn Story» gelang den Freilichtspielen Zermatt der internationale Durchbruch. Diesen Sommer spielt mit «ABEFAHRE! – Stressfrei in 5 Tagen» die bereits zehnte Produktion auf dem Gurten. Es ist die vierte Uraufführung aus der Feder von Richard. BÄRN!BLOG interviewte die Regisseurin.

 

 Zunächst mal ganz herzliche Gratulation zum verdienten Kulturpreis der Bürgi-Willert-Stiftung*. Was bedeutet Dir diese Auszeichnung?

Es ist eine schöne Anerkennung für viele Jahre Theaterschaffen. Es bedeutet Luft und Freiheit, zum Beispiel endlich mal an meinem Buch schreiben zu können, das ich schon seit Jahren in Planung habe. Bisher konnte ich mir das schlicht nicht leisten, weil man beim Bücherschreiben ja erstmal nichts verdient.

 

Deine neue Produktion auf dem Gurten heisst «Abefahre! – Stressfrei in 5 Tagen». Wieso widmest Du Dein Sommertheaterder Burnout-Thematik?

Nicht direkt der Burnout-, sondern der Burnout-Präventions-Thematik. Mich interessiert dabei folgendes Paradox: Weil wir alle derart im Stress sind, ist ein ganzer Industriezweig an Anti-Stress-Seminaren und Kursen entstanden. In Gruppentherapie, Rollenspiel, Lachyoga und Atemübungen sollen die Teilnehmenden wieder zurück zu sich und ihren Ressourcen finden, bevor sie in ein Burnout geraten. Das ist ja nun nicht wirklich das Übel an der Wurzel gepackt...

 

Was kritisierst Du konkret an der Kultur des Tommelns am Mittag und Bäume-Umarmens?

Gar nichts. Jeder darf tun, was ihm gut tut. Ich kritisiere aber die Haltung, dass wir einfach weiter wie bis anhin, bis zur Überdehnung im Spagat unseren Verpflichtungen nachrennen und meinen, man könne sehr effizient und in kurzer Zeit - eben an einem solchen Kurs - irgend etwas verändern. Da braucht es schon mehr, und dieses Mehr wäre: Ein grundsätzlich etwas ruhigeres, bewussteres Leben führen und die Selbstfürsorge täglich mehrere Male über die eigenen oder die Ansprüche von Aussen stellen. Das nützt glaub mehr als einmal die Woche Trommeln.

 

Man darf sich aber doch auf witzige Unterhaltung freuen?

Oh ja. Gerade die Rollenspiele, in denen die Kursteilnehmenden sich selber in Stress-Situationen spielen müssen, sind sehr witzig - Theater im Theater. Aber das Lachen kann einem dann eben kurze Zeit später auch wieder im Hals stecken bleiben - denn der Hintergrund, warum diese Leute solche Übungen überhaupt machen wollen oder müssen, bleibt ernst. Der Hintergrund ist die Überforderung in einer zu schnell drehenden Welt.

 

Warum ist der Gurten für Dich der ideale Spielort?

Der Gurten ist ein Kraftort, eine verkehrsfreie Oase, erhoben über der Stadt Bern. Für dieses Stück ist er der perfekte Spielort, weil hier eine Handvoll Menschen ohne Handy und ohne Armbanduhr irgendwo in der Natur ausgesetzt werden - es gibt da ein ewig brennendes Feuer und ein Tipi - sonst nichts. Ein Seminar wie " Abefahre! Stressfrei in 5 Tagen" könnte auch im richtigen Leben auf dem Gurten stattfinden.

 

Wie gestresst bist Du jeweils selber vor der Premiere?

Es ist nicht Stress, es ist eine gespannte Vorfreude. Und gerade bei einer Uraufführung wie "Abefahre!", wo ich mich sowohl als Autorin wie auch als Regisseurin exponiere, bin ich natürlich sehr gespannt darauf, wie die Feedbacks sind, ob das Stück ankommt, ob meine darin enthaltenen "Botschaften" beim Empfänger ankommen, ob die dramaturgischen Bögen verhäbe etc. Wenn das Publikum seelisch etwas reicher nach Hause geht, als es gekommen ist, dann bin ich zufrieden.

 

 

*Bürgi-Willert- Preis: Gegründet wurde die Stiftung durch den bekannten Berner Architekten Werner Edgar Bürgi. Der Kulturpreis wurde 1992 ins Leben gerufen, erste Preisträgerin war drei Jahre später die Schauspielerin Anne-Marie Blanc. Es folgten weitere Preisverleihungen an: Franz Gertsch, Heinz Holliger, Berner Troubadours zusammen mit dem Betreiber der La Capella Christoph Hoigné, Fernand Rausser, Polo Hofer zusammen mit Kurt Marti, Dimitri, Stephanie Glaser, Walter Loosli und Andrea Roost. 2016 ging der nach neuem Konzept verliehene Kulturpreis an Gilbert Paeffgen und Bänz Oester.

Weitere Informationen unter: www.buergi-willert.ch

 

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