In Bern wartet man nicht in erster Linie auf den Sommer, sondern auf die Eröffnung der Gelaterias. Sämtliche Glace-Sorten vermehren sich im Winter und tauen dann zeitgleich mit der Schnee-Schmelze auf. Strahlen die bunten Geschmacksrichtungen in der Vitrine um die Wette, beginnt das zweite Warten – das Anstehen in der Schlange.

 

Wer kennt sie nicht, die Menschenschlangen neben dem Sattler in der Länggasse, die Meute bei der Marzili-Gelateria oder die Eishungrigen im Breitsch: Die Gelateria di Berna hat einen regelrechten Warte-Hype entfacht, der Trend weitet sich auf weitere Berner Schleckbuden aus. Nicht selten wartet man bis zu einer Stunde, pro Saison macht das rund 40 Stunden, je nach Glace-Wetter. Das muss Liebe sein. Doch steht nicht unbedingt die Glace im Vordergrund; dass man die kleine Kühle bei warmen Temperaturen in der Badi oder abends auf dem Gartenmürli geniessen kann, ist nur Beilage. Es geht um mehr.

 

Die Zeit schmilzt dahin

Das Glace-Angebot der Hauptstadt wächst und wächst. Muss man also für zwei kühle Kugeln wirklich in die Schlange stehen? Nein, aber man kann – und will. Nur für die angeblich beste Sorte? Oder viel mehr darum: Das Anstehen ist zur hippen Alternative zum Kaffeekränzchen mutiert. Hier bleibt genügend Zeit, sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen, sämtlichen Tratsch loszuwerden und Beziehungsprobleme zu erörtern. Und wer es doch mal als Solo-Ansteher wagt, spitzt einfach die Ohren – die Unterhaltung ist besser als so manche Seifenoper. Versprochen.

 

Ende gut, Glace gut

Wer mit einer Warteschlange rechnet, wartet angeblich geduldiger. Und wer über die ungefähre Wartezeit informiert wird, wartet noch geduldiger. So gut, so wissenschaftlich. Was die Wartezeit beim Glacestand betrifft, gehen die Bernerinnen und Berner noch weiter: sie sind enttäuscht, treffen sie wider Erwarten keine Schlange an. Und ist das Warten um, ist man hier sogar ein bisschen traurig. Wie konnte die Zeit nur derat verfliegen? Die Frage des Verkäufers, «Was hätsch gärn?» kommt jetzt doch ein bisschen plötzlich. Sorbet oder Rahmglace? Fruchtig oder rahmig? Mango ist einfach unschlagbar; aber ist heute wirklich ein Mangotag? Was ist mit Himbeer-Ingwer? Oder lieber auf Nummer sicher gehen und Schoggi wählen? Wiederum sollte man doch auch mal was wagen! «Äh, da muessi mau schnäu luege, was dr de so heit. Ä momänt».

 

Schon gewusst? Die kalten Wintermonate zehren an unseren Glace-Reserven. Bei vielen entsteht dadurch ein Mangel, der zu psychischen Veränderungen wie Müdigkeit, depressiver Verstimmung und emotionaler Labilität führt. Sobald wieder genügend Speiseeis vorhanden ist, gilt es, dieses in grossen Mengen einzunehmen, um den Mangel zu beheben oder diesen vorzubeugen. Risikogruppen sollten regelmässig ihre Werte durch eine Gelateria prüfen lassen. Also ab in die Schlange.

 

Foto Remo Eisner

 

 

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