• Peter Brand, Redaktor MAZ Stadt Bern

Bern: die Bestattungsgewohnheiten ändern sich.


Auch auf Friedhöfen steht die Zeit nicht still. Selbst diese friedvollen Oasen verändern sich – dies nicht zuletzt, weil sich auch unsere Bestattungsgewohnheiten verändern.

Der Schosshaldenfriedhof wurde 1877 gebaut. Angelegt wurde er, weil die Stadtbevölkerung zu dieser Zeit rasch wuchs und der nahe Rosengartenfriedhof nicht mehr genügend Platz bot. Es mussten daher dringend neue Begräbnisflächen geschaffen werden. Zunächst war der Schosshaldenfriedhof ein kleiner Friedhof im einfachen, fast ländlichen Stil. Dies änderte sich jedoch bald. Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums – zwischen 1890 und 1920 verdoppelte sich die Einwohnerzahl – musste der Friedhof bis 1925 dreimal erweitert werden. Anfang der Fünfzigerjahre wurde die Anlage ein viertes Mal vergrössert, wobei in einem gewaltigen Kraftakt rund 2000 Tannen gerodet wurden.

Urne statt Sarg

Heute sind Erweiterungen kein Thema mehr, denn ab 1970 nahm die Wohnbevölkerung in Bern wieder ab. Vor allem aber hatten sich mittlerweile die Bestattungsvorlieben der Bernerinnen und Berner grundlegend verändert. «In den Anfängen des Schosshaldenfriedhofs fanden ausschliesslich Erdbestattungen statt», erklärt Friedhofleiter Simon Zwygart. «Die erste Kremation wurde erst 1908 durchgeführt.» Diese neue Bestattungsart wurde in der Folge immer beliebter. Bereits Mitte der Vierzigerjahre hielten sich Erdbestattungen und Kremationen die Waage. Heute werden rund 90 Prozent der Verstorbenen kremiert.

Parkähnlicher Charakter

Da ein Urnengrab deutlich weniger Platz braucht als ein konventionelles Sarggrab, sind die Zeiten des Platzmangels auf dem Schosshaldenfriedhof längst Vergangenheit. Es konnten im Gegenteil in den letzten Jahren Grünflächen freigespielt werden. Im Zuge dieser Entwicklung wurde der Friedhof wieder mehr zur Parkanlage, in der Menschen Ruhe und Erholung suchen und beispielsweise ihre Mittagspause dort verbringen. «Das soll bewusst möglich sein», betont Zwygart. «Auch wenn die primäre Nutzung nach wie vor Verstorbenen und Trauernden zugedacht ist.»

Akzeptierte Gemeinschaftsgräber

Richtig zum Tragen kam das Urnengrab mit dem Aufkommen des Gemeinschaftsgrabes. Liessen sich früher nur Arme auf diese Art bestatten, wurde es ab den Sechzigerjahren – nicht zuletzt als Folge der zunehmenden Mobilität – gesellschaftlich immer akzeptierter. Heute geht die Hälfte der Beisetzungen in ein Gemeinschaftsgrab, für welches keine Unterhaltsarbeiten anfallen. Dabei wird platzsparend eine Urne an die nächste gesetzt. Im Schosshaldenfriedhof liegen bis zu 4000 Verstorbene auf dem gemeinschaftlichen Urnenfeld. Diese Fläche böte nur gerade Platz für 80 Erdbestattungen.

Beliebte Urnenthemengräber

Die neuste Grabart auf dem Schosshaldenfriedhof sind Urnenthemengräber. Sie wurden entwickelt, weil sich zeigte, dass die von den Verstorbenen bewusst gewählte Anonymität des Gemeinschaftsgrabes für Hinterbliebene zum Teil nicht stimmig ist. Sie wünschen sich nicht selten einen individuellen Trauerort mit klar definiertem Urnenplatz, Namensschild und Blumenablageplatz. Genau diese Kriterien erfüllen die beiden im Juli 2016 eröffneten Themenfelder «Bäume» und «Sträucher», das sind Urnengräber im waldartigen Teil des Friedhofs oder in einer gärtnerisch gestalteten Anlage mit Sträuchern.

Individuelle Urnenhaingräber

Natürlich bietet der Schosshaldenfriedhof weiterhin auch Einzelurnengräber an, die sich noch individueller gestalten lassen. Sehr beliebt sind zum Beispiel Urnenhaingräber, bei denen sogar der Standort gewählt werden kann. Die Entwicklung geht eben immer weiter – auch auf dem Friedhof.

Verwandte Beiträge