Bern sagt Ja zum neuen Tierheim.

Mit einem Ja-Stimmenanteil von 81,06 Prozent (38’089 Ja-Stimmen, 8898 Nein-Stimmen) haben die Stimmberechtigten der Überbauungsordnung Wohlenstrasse Eymatt klar zugestimmt. Damit werden die planungsrechtlichen Voraussetzungen für den Bau eines neuen Tierheims geschaffen. Mit dem Neubau wird das bestehende Tierheim in Oberbottigen ersetzt werden. Dieses ist in die Jahre gekommen und genügt den Anforderungen einer tiergerechten Haltung längst nicht mehr. Diese Fakten sind hinlänglich bekannt. BÄRN!BLOG stellte Lukas Bircher, dem Zoologen und Geschäftsführer des Berner Tierschutzes, vor der Abstimmung Fragen der anderen Art.

 

Sie arbeiten eng mit der Kantonspolizei Bern zusammen. Wann werden Tiere im Polizeiwagen ins Tierheim gebracht?

Die  planbaren Ereignisse wie z.B. Wohnungsräumungen oder Beschlagnahmungen werden während der Bürozeiten durchgeführt und wir werden im voraus informiert. So können wir uns vorbereiten und die notwendigen Gehege schon mal einrichten. Häufig werden aber auch während der Nacht herrenlose Tiere (vor allem Hunde) aufgegriffen, und dann umgehend in unser Tierheim gebracht. Dazu haben wir zwei Hundeboxen, die sog. Polizeiboxen, eingerichtet, welche während 24 Stunden zugänglich sind.

 

Welches sind die häufigsten Verzichtgründe?

Verzichtgründe gibt es viele: Überforderung, Zeitmangel, Allergien, Umzug (am neuen Wohnort sind Haustiere nicht erlaubt, wie z.B. in Altersheimen), familiäre Veränderungen (Todesfälle, Trennungen, Kinderzuwachs), finanzielle Probleme, das sind so die häufigsten Gründe.

 

Warum werden immer mehr Hunde im besten Fall abgegeben und im schlechtesten ausgesetzt?

Bei Hunden sind vor allem Überforderung und Zeitmangel die häufigsten Abgabegründe. Seit der Kennzeich-nungspflicht sind in der Schweiz mehr oder weniger alle Hunde registriert, das Aussetzen ist also schwierig geworden. Es gibt aber immer wieder Fälle, bei welchen die Hunde zwar einen Kennzeichnungschip implantiert haben, dieser aber bei der zuständigen Registrierungsstelle nicht gemeldet wurden (vor allem ausländische Hunde).

 

Gibt es Zeiten, zu welchen besonders viele Tiere abgegeben werden?

Früher, vor 20 Jahren, als ich meinen Job im Tierheim angetreten habe, mussten wir vor allem kurz vor den Sommerferien und auch nach Weihnachten häufiger Verzichttiere oder Findeltiere aufnehmen. Die entsprechenden Sensibilisierungskampagnen waren offensichtlich erfolgreich, das ist heute kaum mehr der Fall. Eine Häufung von Verzichthunden haben wir aber jetzt nach den Ferien, es gibt immer wieder Leute, welche ein armes Hundeli aus den Ferien im Ausland heimbringen, welches dann nicht in den heimischen Alltag integriert werden kann.

 

Weiss man, was ein abgegebenes/ausgesetztes Tier empfindet?

Was ein Tier genau empfindet ist grundsätzlich ein äusserst schwieriges, und auch breit diskutiertes Thema. Fact ist, auch Tiere haben Empfindungen, was vor allem bei Säugetieren (biologisch ist auch der Menschen ein Säugetier) nachgewiesen werden konnte.  

 

Was empfehlen Sie Menschen, bevor diese sich ein Tier anschaffen?

Sich Informieren, informieren und nochmals informieren, was da auf einem zukommt, bevor das Wunschtier angeschafft wird. Das Internet ist voll von guten Tipps, aber auch bei uns im Tierheim können selbstverständlich Informationen eingeholt werden, sowohl in Form von Broschüren oder telefonsicher Beratung.  

 

Wie werden die Platzprobleme in Oberbottigen zur Zeit gelöst?

Unser Motte ist schon seit langem: „improvisieren anstelle sanieren“: für Mutterkätzinnen haben wir z.B. provisorische, externe Pflegeplätze gefunden, häufig nehmen auch die Mitarbeiterinnen des Tierheims Pfleglinge mit zu sich nach Hause.

 

Wie schafft man es, auf all die emotionalen Bedürfnisse der haarigen Pensionäre einzugehen?

Fachmännische (besser „Fachfrauliche“) Pflege und Führsorge, genaues Beobachten des Verhaltens, sowie viel Liebe, Zeit und Geduld, das sind so die Grundpfeiler der optimalen Betreuung im Tierheim.

 

Was sagen Sie zu den zeitlichen Einschränkungen, die als Kompromisslösung mit den Einsprechenden vereinbart wurden?

Diese sind völlig zu verantworten, da sie relativ marginal sind, und da sie gegenüber den heutigen Auslaufzeiten immer noch eine sehr grosse Verbesserung bedeuten.

 

Last but not least in Stichworten: Warum braucht Bern ein neues Tierheim?

  1. Unser Tierheim in Oberbottigen entstand 1949 und wurde 1973, also vor über 40 Jahren auf den heutigen Stand ausgebaut. Mittlerweile ist es baufällig, viel zu klein und wir spüren täglich seine Kapazitätsgrenzen, nicht nur für die Tiere, auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

  2. Um die Aufnahme von Findeltieren und aufgefundenen Tieren (Hunde, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten, Degus, Rennmäuse, Kanarienvögel, Wellensittiche, Nymphensittiche, Agaporniden, etc) garantieren zu können.

  3. Findeltiere sind oft krank und  auf professionelle und medizinische Pflege angewiesen. Sie müssen 7 Tage die Woche und während 24 Std. pro Tag aufgenommen werden können.

  4. Aufnahme von behördlich beschlagnahmten Tieren (bei Wohnungsräumungen, abwesenden Tierhaltern (Spital, Gefängnis etc.): werden Tiere beschlagnahmt, werden diese meist dem Tierheim zur Betreuung anvertraut. Ist die Angelegenheit rechtlich geregelt, übernimmt der Berner Tierschutz diese Tiere und behält sie auf eigene Kosten in Obhut, bis ein für sie geeignetes neues Zuhause gefunden wird. Ansonsten müssten sie oft getötet werden, da dem Kanton die nötigen finanziellen Mittel fehlen da der Kanton auch über keine eigenen Unterbringungsmöglichkeiten verfügt.

  5. Auffangnetz rund ums Tier.

  6. Neutrale Fachberatung: Infotelefon für Fragen rund um das Haustier (Anschaffung, Haltung und Pflege).

  7. Der Berner Tierschutz kümmert sich nicht nur um ausgesetzte und unerwünschte Haustiere. Er nimmt viele weitere Aufgaben wahr, wie z.B. die Bearbeitung von Tierschutzfällen: vom Berner Tierschutz werden jedes Jahr so um die 200 Klagen entgegen genommen, bearbeitet und allenfalls, wenn keine Lösung gefunden werden konnte, an die zuständigen Behörden weitergeleitet. Auch heutzutage werden Tiere immer noch geschunden, gequält, misshandelt, vernachlässigt, sei es aus Profitgründen, Unwissenheit, Ignoranz; krankhaftem oder boshaften Mutwillen.

www.bernertierschutz.ch

 

Bilder: Auch Zwergpinscher Asia sucht einen liebevollen Platz für immer. Tiervermittlung Link

 

 

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