Abklären, unterstützen, vernetzen

Die Stadt Bern betreibt seit drei Jahren eine Fachstelle Radikalisierung. Sie ist beim Amt für Erwachsenen- und Kindesschutz angegliedert. Amtsleiterin Ester Meier sagt, was die Fachstelle genau tut.

 

 

Frau Meier, warum braucht die Stadt Bern eine Fachstelle Radikalisierung?

Im Herbst 2014 wurde in den Medien regelmässig über Jugendliche berichtetet, die nach Syrien ausreisen, um sich dem Jihad anzuschliessen. Wir fragten uns, wohin sich betroffene Eltern, Angehörige und Freunde wenden können, wenn sie bei Jugendlichen eine Veränderung im Verhalten feststellen, die auf eine Radikalisierung hinweist. So entschlossen wir uns, diese Zielgruppe mit einem niederschwelligen Informationsangebot zu unterstützen. 

 

Welches sind die Hauptaufgaben der Fachstelle?

Wir beraten Eltern, Angehörige, Freunde und Fachpersonen beim Umgang mit Jugendlichen, die sich radikalisieren. Sie sind oft die Ersten, denen eine Radikalisierung eines jungen Menschen auffällt, und gleichzeitig die Letzten, zu denen dieser trotz zunehmender Isolierung Kontakt hält. Wir bilden interessierte Fachpersonen weiter und sensibilisieren die Bevölkerung. Es ist für uns sehr wichtig, dass ein Verdacht möglichst früh gemeldet wird. Je früher wir an die Jugendlichen herankommen, desto besser sind die Chancen, dass eine Radikalisierung verhindert werden kann.

 

Welche Arten von Radikalisierung hat die Fachstelle auf dem Radar?

Zurzeit stehen jihadistische Radikalisierungstendenzen klar im Vordergrund. Zum Spektrum gehören aber ebenso Radikalisierungen in Richtung Rechts- und Linksextremismus, Sektenzugehörigkeit oder Hooliganismus. Alles sind extreme Ideologien mit Bedrohungspotenzial.

 

Bei der Fachstelle gehen die Verdachtsmeldungen also ein. Von wie vielen Fällen reden wir?

In den letzten drei Jahren gingen bei uns insgesamt 50 Verdachtsmeldungen ein. Die meisten davon erreichen uns von Fachpersonen im Umfeld. Sie machen am häufigsten von dieser Möglichkeit Gebrauch.

 

Angenommen, ein Verdachtsfall liegt vor: Wie geht es konkret weiter?

In einem ersten Schritt versuchen wir, so viel wie möglich über den Jugendlichen und sein Verhalten zu erfahren. Verdichtet sich der Verdacht auf eine Radikalisierung, erstellen wir eine Risikoanalyse und entscheiden, wen wir in den weiteren Prozess mit einbeziehen, seien dies Eltern oder andere Vertrauenspersonen. Gleichzeitig unterstützen wir betroffene Personen und zeigen ihnen, wie sie den Zugang zu den Jugendlichen aufrechterhalten oder aufbauen können.

 

Mit welchen Partnern arbeitet die Fachstelle zusammen?

Zum Beispiel mit Schulsozialarbeitenden, Schulleitungen, Beiständen oder den betreffenden Asylheimen. Wir sind gut vernetzt in der Stadt Bern und schauen von Fall zu Fall, wer mit einbezogen werden kann. Stellen wir eine Selbst- oder Fremdgefährdung fest, ziehen wir die Kantonspolizei bei.

 

Die Fachstelle hat zwei Leitfäden zum Thema veröffentlicht. An wen richten sie sich?

Der eine richtet sich an Schulleitungen, Lehrpersonen sowie Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, der andere an die breite Öffentlichkeit. Beide Leitfäden informieren über das Thema und geben praktische Hinweise zum Vorgehen bei Radikalisierung.

 

Leitfäden: www.bern.ch/themen/sicherheit/schutz-vor-gewalt/radikalisierung

 

 

 

Unterstützt Eltern und Angehörige von radikalisierten Jugendlichen: Ester Meier, Leiterin Amt für Erwachsenen- und Kindesschutz.

 

 

 

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