• Bernhard Giger, Leiter Kornhausforum / Gastbeitrag

Ir Chischte

Ein aus Wabenkarton hergestellter Nachbau einer Zelle aus dem Berner Amtshaus 1968 steht im Mittelpunkt der Installation von Erna Eugster und Christian Grogg im Stadtsaal: «Ir Chischte», die erste Ausstellung 2018 im Kornhausforum, erinnert an die düstere Zeit der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in der Schweiz. Ihre Eröffnung findet im Rahmen des Berner Galerienwochenendes 2018 statt.

Erna Eugster hat die Schläge nicht gezählt, die sie in den ersten zwanzig Jahren ihres Lebens bekommen hat. 1952 geboren, wuchs sie im Kinderheim und danach bei ihren Eltern auf. Daheim gab es oft Streit und Strafe. Das Mädchen ist immer wieder davongelaufen, kam erneut ins Heim und ist auch dort ausgebrochen.

Gestempelt fürs Leben «Der Grund des Davonlaufens», schrieb die Gemeindefürsorge von Herzogenbuchsee 1970 an die Vormundschaftskommission der Gemeinde, «lag in dem stark gestörten Verhältnis zwischen dem Mädchen und seiner Mutter und im Auftauchen von schweren, durch die Pubertät, die bisherige Fehlentwicklung und wohl auch durch anlagemässige Faktoren bedingte Konflikte.» Zwei Jahre zuvor hatte ein Gutachten der Psychiatrischen Klinik Münsingen Erna Eugster als ein «wenig intelligentes, triebhaftes, neurotisiertes und in der frühen Jugend frustriertes Mädchen» beschrieben.

Das genügte damals, um fürs Leben gestempelt zu sein. Für Erna Eugster begann eine Odyssee durch Kliniken, Gefängnisse, Heime und Anstalten – ohne rechtmässige Verurteilung, sondern willkürlich behördlich verfügt: Erniedrigung, Rechtlosigkeit, Flucht, Angst, Prostitution, Alkohol, Krankheit.

Zeit der Wiedergutmachung Die Bewältigung dessen, was Menschen, zumeist jungen, in den vielen Jahren der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen angetan wurde, ist in der Schweiz in Aufarbeitung seit einem Runden Tisch mit Betroffenen und Beteiligten 2013 und der Lancierung der Wiedergutmachungs-Initiative. Ein Gesetz ist in Kraft, welches das geschehene Unrecht anerkannt. Mit einem Solidaritätsbeitrag soll gegenüber den Opfern ein Zeichen gesetzt werden. Noch bis zum 31. März 2018 haben Opfer von Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen Zeit, ihre Ansprüche geltend zu machen.

Auf und ab in der Zelle Im Sommer 1968 kam Erna Eugster zum ersten Mal ins Amtshaus, das Berner Bezirksgefängnis. Einen Monat zuvor war auf dem Münsterturm die Vietcong-Fahne gehisst worden. In den Städten des Westens rebellierte die Jugend. Erna Eugster, noch nicht ganz 16, lief in ihrer Zelle «Kilometer um Kilometer auf und ab», wie sie später geschrieben hat.

In einer schon längeren Zusammenarbeit mit dem Berner Künstler Christian Grogg hat sie das Projekt «Ir Chischte» entwickelt und konkretisiert, das nun im Stadtsaal des Kornhausforums umgesetzt wird: Ein begehbarer Nachbau einer Zelle im Amtshaus, der den Menschen heute das Gefühl des Eingeschlossenseins vermitteln soll. Für die Zelle realisiert Michael Harenberg, Studiengangleiter Sound Arts der Hochschule der Künste Bern, eine Klanginstallation, die Grafikerin Pedä Siegrist zeichnet wüste Wörter, die Erna Eugster fast täglich zu hören bekam. Dokumente, Texte und Bilder dokumentieren Erna Eugsters Biografie.

Die Ausstellung «Ir Chischte» im Kornhausforum wird am Samstag, 13. Januar, im Rahmen des Berner Galerienwochenendes eröffnet. Zu besuchen ist sie ab 11 Uhr, die eigentliche Vernissage findet um 17 Uhr statt, mit einem Gespräch von Bernhard Giger mit Erna Eugster und Christian Grogg. Die Ausstellung dauert bis Sonntag, 28. Januar 2018. Webseite Kornhausforum

Foto: Polizeifoto Erna Eugster, späte 1960er-Jahre.

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