Wiehnachtschlötzli

Kurz vor dem jährlichen Fest in Berns Gassen las ich im Bund online: „Wer am Montag an den Zibelemärit geht, wird kaum darum herumkommen, an das zu denken, was in den vergangenen Jahren das Leben in Nizza, Berlin und Barcelona verändert hat: Lieferwagen, die – gesteuert von Terroristen – in Menschenmengen rasten. Die Zibelemärit-Besucher werden feststellen, dass diese Ereignisse auch das Leben in Bern ein bisschen verändern.“

„Ah ehm, das habe ich mir so vorher noch gar nie überlegt“, war mein erster Gedanke. Ich wäre absolut wunderbar darum herumgekommen, an diesem Montagmorgen mit einem Angstgefühl durch die Berner Altstadt zu laufen. Ich weiss, dass ich mit Sicherheit nicht an Tote, Terror, Tragödien und Blut gedacht hätte.
Diese Bilder hatten sich aber nun in meinem Kopf ausgebreitet, als ich mich kurz vor 6 Uhr vom Zytglogge zum Bahnhof durchs Gewühl kämpfte. Eigentlich wollte ich nur meinen Zug nach Winterthur erreichen. Zum Umstand, dass das Tram nicht bis Bahnhof fuhr, zum Zibelechuecheduft – kurz nach dem Erwachen – zum Konfetti in meinen Haaren und dem Hämmerli auf meinem Kopf gesellte sich nun auch noch dieses beklemmende Gefühl – Merci viumau! Ich entdeckte dann auch die Betonklötze, die ich möglicherweise gar nicht beachtet hätte, wäre besagter Artikel nicht in dieser Form erschienen. Auch jetzt haben sie mein Leben aber nicht substanziell verändert.


Ich habe mich gefragt, welche Gefühle es in mir auslösen würde, wenn ich politisch anders eingestellt wäre. Wenn mir ein „terroristisch aussehender“ (wie auch immer das sein mag) Mensch entgegengekommen wäre. Ig bi ja keh Rassist, aber das macht eim scho Angst. Was genau löst diese Angst aus? Ein aus Wasser, Zement und Gesteinskörnung hergestelltes Chlötzli? – Nein, natürlich die gefährliche Situation auf dieser Welt, die keineswegs wegzudiskutieren ist. Dass diese immer präsenter wird, muss doch nicht zwingend bedeuten, dass sie auch in meinem Kopf omnipräsent ist. Denn wenn ich das zulasse, bestimmt Unsicherheit mein Handeln und es beeinflusst, wie ich Mitmenschen begegne.

 
Ich bin dankbar dafür, dass sich unsere Sicherheitsbehörden an solchen Anlässen Gedanken zu diesen Themen machen. Aber bitte geht nicht davon aus, dass ich das auch tue oder tun will. Dazu fällt mir unweigerlich eine Songzeile von Morrissey, Sänger von The Smiths ein: „I recommend that you stop watching the news because the news can try to frighten you“.

 

An diesem Montagmorgen stieg ich jedenfalls in den Zug und las zufälligerweise Kapitel drei zur Publikumswirkung in meinem Lehrmittel Journalistik (ich studiere Journalismus und Organsationskommunikation). Auf den ganzen hundert Seiten steht kein einziges Wort von Angst oder negativen Gefühlen, die überhaupt erst durch die Berichterstattung ausgelöst werden. Journalismus zur Orientierung in einer komplexen Welt. Journalismus als Grundvoraussetzung für internationales, kollektives Mitgefühl. Journalismus als Standbein für die Demokratie. Herr Klaus Meier schreibt dazu: „Demnach bestimmen Medien nicht so sehr, was die Menschen denken, sondern zu welchen Themen sie sich Gedanken machen.“ Jä, ich empfinde diesen Unterschied jetzt nicht als riesig...

 

Sind sich die Verfasser eines soIchen oder vergleichbaren Artikels ihrer Verantwortung und der Konsequenz ihrer Worte bewusst? Sind sich die Leserinnen bewusst, was es auslöst?
Hat sich Dein Leben verändert?

Meines nicht. Nicht durch die Chlötzli an sich. Aber einewäg. Jetzt, am Weihnachtsmarkt, wird mir die implantierte Angst zumindest verpackt in Geschenkpapier serviert. Supi.

 

Text : Noè Jeanne Freiburghaus, Studentin

Foto: Adrian Scheidegger

 

Kommentar von Oliver Jaggy, BMK - Berner Marktkommission und Platzhirsch:

 

Als ich erfahren habe, dass der Markt durch Betonpoller geschützt werden wird, hatte ich ähnliche Gedanken wie sie im Blogbeitrag beschrieben sind: Wird es so sein, dass unsere Gedanken und Gefühle durch Beton bestimmt werden? Ich habe schnellstmöglich nach einer Lösung gesucht, die einerseits die Sicherheitsauflagen erfüllt und andererseits nicht unsere Gedanken dominieret. Bei den zuständigen Behörden der Stadt habe ich offene Türen eingerannt. Durch die Integration der Klötze in den Zaun und das Verpacken der Klötze ist mir das zufriedenstellend gelungen. Ich bin froh, kommt dies bei der Bevölkerung ebenso an.

 

 

 

 

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