Unerschrockene Berner am Web Summit

 

In Peter Bieris Roman «Nachtzug nach Lissabon» machte sich der Berner Gymnasiallehrer Raimund Gregorius vom Kirchenfeld auf nach Lissabon. Auf die Suche nach einem portugisischen Arzt, Philosophen und Autoren, von dessen Worten er vollkommen ergriffen ist. Anfang November begab auch ich mich mit einer Gruppe unerschrockener Kommunikationsspezialisten auf Entdeckungsreise nach Lissabon. Obschon auch in unserer Branche geflügelte Worte eine zentrale Rolle spielen, unsere Entdeckungsreise galt den neusten Trends der virtuellen Welt, des Internets. Unser Ziel: der Web Summit 2017. Ein gigantisches Klassentreffen von Nerds, Jungfirmen, Investoren, gestandenen Mediengurus und den neuen Stars des Internets. Über 60'000 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt, 1'200 Referenten, 2'900 Medienschaffende und unzählige Helferinnen und Helfer nahmen überfallsartig die wunderschöne Stadt am Atlantik in Beschlag. Und mit dabei, unsere 12-köpfige Berner Delegation.

 

Dass die Digitalisierung auch bei uns in Bern angekommen ist, dürfte inzwischen kein Geheimnis mehr sein. Das Internet hat sich in fast alle Bereiche unseres Lebens eingeschlichen, hat sich ausgebreitet und wir können uns schon nicht mehr vorstellen wie es ohne war. Doch genau so wenig können wir uns vorstellen, wie es einmal sein könnte oder vielmehr sein wird. Die fünf Tage in Lissabon haben mir einen vagen Eindruck davon gegeben. Faszination, Erstaunen aber auch Resignation und manchmal etwas Unbehagen, die digitalen Helferlein der Zukunft haben bei mir gemischte Gefühle ausgelöst. Gleich zu Beginn der Konferenz, bei Eröffnungsanlass mit 20'000 Personen, wurde die Euphorie gedämpft. Auf der Grossleinwand richtete sich Stephan Hawking, theoretischer Physiker und wohl einer der gescheitesten Menschen unserer Zeit, an das Publikum. Mit seiner computersimulierten Stimme verkündete er seine düstere Prognose. Er macht sich nicht nur Sorgen wegen künstlicher Intelligenz, auch die Entwicklung des Klimas sieht er wenig rosig. Ja sogar von Weltuntergang spricht er. Gut, bis dahin könnte es gemäss Hawking noch 600 Jahre dauern, aber was sind schon 600 Jahre. Doch er hat auch eine Lösung für das Problem parat: wir sollten schnellstmöglich in das Weltall umziehen. Ob das wirklich die Antwort ist, die ich hören möchte? Nicht grad ins Weltall, aber zumindest in die Luft, möchte demnächst UBER expandieren. Das Taxiunternehmen präsentierte in Lissabon den fliegenden UBER, ein Lufttaxi, welches in Zukunft unsere Verkehrsprobleme lösen soll. Damit könnte ich mich schon eher anfreunden. Nicht minder verblüffend war der Auftritt des jungen Engländers Julius Dein, dessen Kurzvideos auf Facebook regelmässig von 100 (HUNDERT) Millionen Menschen angeschaut werden. Im Vergleich dazu erscheint der Spitzenwert von SRF beim WM-Barrage-Spiel der Schweiz von einer Million Zuschauern geradezu lächerlich. Seine Videos produziert er übrigens auf dem iPhone und schneidet sie mit iMovie. Da fragt man sich dann schon, wohin unsere Medienwelt steuert? Eine schlüssige Antwort auf diese Frage konnten in Lissabon weder die Chefredaktoren von CNN, der BBC, von HBO, Forbes, The Sun oder der Washington Post geben. Einig waren sich jedoch alle, dass auch in Zukunft immer noch die gute Geschichte das sei, was zähle. Doch wo und wie diese Geschichte schlussendlich erzählt werden soll, darüber war man sich dann nicht mehr ganz so einig. Einzig beim Thema Bewegtbild schien einigermassen Konsens zu herrschen. Spätestens bei der Vorstellung des neuen BBC Filmes „Blue Planet II“ wurde klar, dass dieses Medium die Menschen am meisten berührt. Noch etwas holprig hingegen waren die Versuche, die Welt der virtuellen Realität ans Publikum zu bringen. Die Referentin bemerkte nach ihrer Vorführung treffend, dass es nicht ganz einfach sei, auf einem zweidimensionalen Bildschirm einen dreidimensionalen Film zu zeigen. Nichtsdestotrotz wird sich wohl gerade in den Bereichen der virtuellen Realität (Virtual Reality, VR) und der erweiterten Realität (Augmentet Reality, AR) in den nächsten Jahren einiges tun. Ich bin gespannt, was da auf uns zukommen wird.

 

Zurück in der realen Realität, hat mir die Reise nach Lissabon einmal mehr aufgezeigt, dass die Digitalisierung unser Leben in vielen Bereichen vereinfacht und erleichtert, aber eben auch neue Gefahren birgt. Und noch eine Erkenntnis hat die Reise gebracht: Die besten Momente war die, wenn sich unsere Berner Entdeckergruppe abends in einer der schönen Bars von Lissabon über Gott und die Welt und ein klein wenig über die digitale Zukunft austauschte. Ganz reell!

 

Die unerschrockenen Berner am Web Summit: v.l.. hinten: Peter Stämpfli (Stämpfli AG), Tomas Huber (Schaltstelle), Philipp Guggisberg (SFL), Marcel Suter (Klarkom); 2. Reihe: Beni Meier (SEF), Pascal Schütz (gecko communication), Benjamin Blaser (Newsroom Communication); Vorne: Dario Hitz und Brian Ruchti (Newsroom Communication).

 

 

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